20. Februar 2018

Spurensuche




Hannes Köhler hat in seinem Buch „Ein mögliches Leben“ einen spannende und interessante Geschichte über einen deutschen Wehrmachtssoldaten in Amerikanischer Kriegsgefangenschaft am Ende des zweiten Weltkrieges zu erzählen. Er verknüpft dies geschickt mit der Familiengeschichte des alten Franz, der sich mit seinem Enkel Martin auf eine Reise in die Vergangenheit und zu den Orten seiner Gefangenschaft in den USA begibt, die er sich seit vielen Jahren gewünscht hat und die er als uralter Mann endlich unternimmt.

Ganz nahe ist man dem Alten und seinen Erinnerungen an die Zeit seiner Gefangenschaft in den USA, vom Zeitpunkt der Gefangennahme in der Normandie, bei der seine Erleichterung und gleichzeitige Scham über das Davonkommen vom Krieg spürbar ist, bei den Anfeindungen und Übergriffen strammer Hitlergetreuer Deutscher im Lager in sengender texanischer Sonne und bei seinem fast gelöstem Lagerleben in Utah, wo er für einen amerikanischen Offizier als Übersetzer und Fahrer arbeiten darf.
Man spürt in den Erinnerungen seinem Wandel zum Demokraten und den Gründen für sein schweigsames und gegenüber Frau und Tochter abgeschottetes Leben in Deutschland nach. Erst der Enkel Martin schafft es, obwohl sich die beiden Männer bei Beginn der Reise eigentlich fremd sind, dass Franz sich öffnet und auch gegenüber der einstmals verstoßenen Tochter Barbara Sprache und Erklärungen zu finden vermag.

Die Geschichte entwickelt nach einem für mich etwas langweiligem Einstieg in der Gegenwart einen Sog, dem man sich nicht zu entziehen vermag. Die Erinnerungen des alten Franz an seine Gefangenschaft, sein Freundschaft zu einem Mitgefangenen, seine Zerrissenheit zwischen der ihm eingebläuten Kameradschaft gegenüber den deutschen Mitgefangenen und der humanistisch-demokratischen Gesinnung, die in ihm wächst, sind beim Lesen fast greifbar und halten gepackt.
Fast atemlos, ein bisschen mäandernd und mit vielen Rückblicken auf die familiäre Basis und die nationalsozialistische Prägung zur Zeit der Machtübernahme durch Hitler bis zum Kriegseintritt erinnert sich Franz und man ist hier wirklich dicht bei ihm.
Ich liebe diese Art des Erzählens mit langen, aber nicht bandwurmlangen Sätzen ohne wörtliche Rede, bei der man den für mich intensivsten Eindruck der Gedanken des Protagonisten hat.

Was mich ein bisschen gestört hat ist der für mich nicht besonders interessante Einstieg in die Geschichte in der Gegenwart, bei der Martins Leben im Vordergrund steht, während er seinen Großvater trifft und sich mit ihm auf die Reise in die USA begibt. Das bewog mich dazu, einen Stern abzuziehen, weil hier ein bisschen Durchhalten gefordert ist, auch wenn es nicht allzu viele Seiten sind.


Insgesamt hat mich das Buch beeindruckt, hervorragend recherchiert bietet es eine für mich spannende, ungewöhnliche und interessante Geschichte über einen POW (Prisoner of War) und dessen Wandel aus nationalsozialistischer Erziehung und Kameradendenken heraus zum humanistischen Demokraten, sein Zwiespalt, der sich für mich auch in der Familiengeschichte widerspiegelt.


Ein mögliches Leben von Hannes Köhler
Roman, gebunden, 352 Seiten
Erscheint am 23.Februar 2018
Verlag Ullstein
ISBN 978-3-550081859
22 €

14. Januar 2018

Gesellschaftsspiegel mit Schwächen




Der Roman „Die Schulter des Riesen“ ist ein gesellschaftskritischer Gegenwartsroman, angesiedelt in einer fiktiven deutschen Stadt, der das Schicksal eines unverschuldet in die Obdachlosigkeit abgeglittenen Mannes thematisiert.

Gregor, ein bisschen überheblich, ein bisschen aggressiv und aufbrausend, glaubt mitten im Leben zu stehen mit seinem Job als Silberschmied, seiner Frau Beatrice und den beiden geliebten kleinen Jungen Robert und Alex. Er reagiert mit Gewalt, als er überraschend in seiner Wohnung bei seinen Kindern eine völlig heruntergekommene Drogensüchtige erwischt. Mit dieser Tat ist sein Schicksal besiegelt - aufgrund einer Kette zufälliger Ereignisse, die in der Folge des aggressiven Hinauswurfs der jungen Frau eintreten, gerät Gregor massiv zunächst in finanzielle, später in emotionale und berufliche Schwierigkeiten, aus denen es für ihn keinen Ausweg gibt. Er landet in Untersuchungshaft, seine Ehe geht in die Brüche, er verliert seinen Job und die Schuldenfalle schlägt so gnadenlos zu, dass er letztlich obdachlos wird. Gregor findet sich auf der Straße wieder, hat nach einem kurzen schrecklichen Intermezzo als gepeinigter Küchenhelfer eines Edelrestaurants nichts zum Leben und muss sich damit zurechtfinden, die bürgerliche Gesellschaft, die er bisher mit blasiertem schöngeistigem Blick betrachtete, nun von unten in der Haltung eines Bittstellers und Bettlers anzuschauen.
Einmal ohne Wohnung ist er abgeschrieben bei potenziellen Arbeitgebern genauso wie bei sämtlichen Ämtern und Behörden, und auch der gerichtliche Freispruch nutzt ihm nichts mehr. Er gehört zum ungeliebten gesellschaftlichen Bodensatz, chancenlos und verachtet, übersehen und unbeachtet. 
Nur für sich selbst kann sich Georg ein bisschen Menschlichkeit bewahren, indem er versucht, nicht wie andere Obdachlose saufend zu verlottern oder indem er sich die Liebe zu seinen beiden Söhnen zu bewahren versucht.

Georg ist ein Grenzgänger und Wanderer zwischen den gesellschaftlichen Schichten. Er versucht nicht, sich als Obdachloser anzupassen, sondern will kämpfen, eckt überall an und scheint alles irgendwie falsch zu machen, wo andere scheinbar leichtfüßig mit ihrer Situation klar kommen. Sein Lebensmut droht zu verlöschen, weil er immer und immer wieder Rückschläge einstecken muss. Dennoch wird er nicht zum Dulder, er wehrt sich vehement weiter und versucht, sich seine Ideale zu erhalten. Selbst in der völligen Ausweglosigkeit beschreitet Georg einen ungewöhnlichen Weg, abseits der ausgetretenen Pfade.

Womit ich mich nicht anfreunden konnte ist der Stil, in dem die Geschichte umgesetzt ist. Zu viele gewollte Bilder einerseits und das geradlinige chronologische Abspulen ohne Wechsel von Blickrichtung oder Zeit andererseits haben meinen Genuss beim Lesen manchmal sehr geschmälert. Es gibt zudem zu viele Wiederholungen und Zusammenfassungen, die den Fluss der Geschichte bremsen, auf mich ein wenig langweilig wirken. Manchmal waren die Bilder, die zur Erklärung von Stimmungen herangezogen wurden, übertrieben und einfach zu oft benutzt.
Es ist ein bisschen schade um wirklich gute Ideen, die in die Geschichte eingebaut wurden, zum Beispiel die des gesellschaftskritisch philosophierenden obdachlosen Säufers Nirwana, der mit seinem Wesen und seinem buddhistischen Geschichten die positive Basis von Gregors Wesenart mit Mitleid, Liebe und Lebensmut darstellt. Allerdings wird für mich überstrapaziert, dass er nur im Rausch erträglich für sich selbst und seine Umwelt ist, hingegen nüchtern klare und kluge Gedanken zu fassen vermag. Im Gegensatz dazu steht übrigens der Gegenspieler Nietzsche, dessen boshaftes und menschenverachtendes Nazitum an Gregor klebt wie Hundekacke an einem Schuh, das schwarze Spiegel-Bild seiner Seele.

Insgesamt konnte mich die Idee zur Geschichte zwar begeistern, ich habe Passagen mit Interesse gelesen, aber stilistisch hätte ich mir mehr Ausgereiftheit und weniger gewolltes Gefallen gewünscht, plastischere Figuren und einen weniger geradlinig-einfachen Schreibstil.


Ich danke dem Autor Raffael Schallenberg, dass ich das Buch zum Lesen bereitgestellt bekam.


Raffael Rauhenberg „Die Schulter des Riesen“
Roman, eBook, 439 Seiten
Cremte Space Independent Publishing Platform
ISBN B076B7FC9H
3,50€

10. Januar 2018

Tragisches und berührendes Schicksal




„Giacinta“ von Luigi Capuana ist ein Gesellschaftsroman, wie man ihn eigentlich aus dem 20.Jahrhundert kennt. Erstaunlich ist, dass dieser Roman bereits 1879 als Debüt des Autors erschien und damals einen Skandal auslöste. Jetzt erstmals vollständig auf Deutsch vom Manesse Verlag veröffentlicht besitzt er auch heute noch Aktualität, Esprit und eine überaus gelungene Mischung aus Spannung, Tragik und gesellschaftlicher Kritik, die ihn zu einem sehr lesenswerten Buch machen.

Eine bürgerliche Familie in kleinstädtischer sizilianischer Provinz, die Mutter kalt und geschäftstüchtig, der Vater träge und antriebslos, ein Sanguiniker, der seiner Frau das Regime in jeglicher Hinsicht überlässt, mischt die Männlichkeit der damals üblichen Salons mit der atemberaubenden Tochter Giacinta auf. Reihenweise bemühen sich die Herren um die schöne Tichter im heiratsfähigen Alter, vom bürgerlichen gutsituierten großstädtischen Beamten bis zum inzestuös verblödetem Adligen hängen sie an Giacintas Rock und Lippen, unter den neidisch-achtsamen Blicken der Mutter, die eine gute Partie für ihre Tochter zur Erhöhung der eigenen Reputation erhofft.
Doch Giacinta, die scheinbar mühelos und geschickt mit den Männern spielt, leidet unter ihrer Rolle. Sie ist Andrea Gerace verfallen und er ihr, beide gestehen sich ihre Liebe, doch Giacinta kann und will den Mann ihres Herzens nicht ehelichen. Letztlich muss sie des Weg ihres Schicksals durch die Heirat mit einem viel älteren und verblödeten Conte beschreiten.

Zu Beginn des Romanes wird man als Leser mitten in einen der prächtigen bürgerlichen Salons geschickt, in dem Amüsement und Unterhaltung an der Oberfläche plätschern. Luigi Capuana zeichnet ein fast überbordendes schillerndes Bild der bürgerlichen Provinzgesellschaft mit der alternden Schönheit der Mutter und Hausherrin Teresa Marulli mit ihrem absolut im Hintergrund stehenden Gatten, daneben die von allen begehrte Giacinta, die flittchenhaft von Männerschoß zu Männerschoß wechselt. Im Hintergrund und als Rahmen mit sehr bildhafter Beschreibung Salongäste, die das scheinbar neckische Verhalten Giacintas während ihrer Plaudereien mit Argusaugen beobachten.
Im Verlauf des Buches ändert sich das Bild, das man von der jungen Heldin anfangs bekommt. Einem genaueren Blick auf ihr freudlose und einsame Kindheit mit der Mutter, die mehr mit ihren Liebhabern und ihrer gesellschaftlichen Etikette beschäftigt war, und dem schwachen Vater, der seiner Frau nie etwas entgegenzusetzen hatte, folgt die Geschichte eines tragischen Frauenschicksals, das man nach den ersten paar Seiten so nicht erwartet hätte.
An der Schwelle von der Kindheit zur Frau vom Hausburschen missbraucht versucht sich Giacinta als männermordender Salonlöwe, scheitert jedoch daran und muss letztlich, um dem Tratsch und dem drohenden gesellschaftlichen Abstieg einen Riegel vorzuschieben, einen von ihr nicht geliebten, viel älteren und mit Dummheit geschlagenen Conte ehelichen, denn alle ihre Verehrer, die sie im heiratsfähigen Alter hat, ziehen sie für eine ernsthafte Verbindung nicht in Erwägung. Sie verzweifelt an ihrer wahren Liebe zu Andrea Gerace und lebt sie dennoch auch während ihrer Ehe aus.

Erstaunlich, wie tiefsinnig und genau der Autor das Schicksal Giacintas gezeichnet hat, dass er ihr zugesteht, sich aufzulehnen und entgegen der damaligen gesellschaftlichen Etikette zu handeln, bewusst und emanzipiert, trotz ihrer Gefangenschaft in einer Zwangsehe, für die sie sich allerdings auch selbst entschieden hat. Als skandalös ist seine Abrechnung mit der bürgerlichen Spießigkeit damals bewertet worden, und das zu recht, betrachtet man es mit damaligen Blick.
Neben dem kritischen Aufzeigen von zwangsläufig ineinandergreifenden Mechanismen der Gesellschaft selbst gesteht Luigi Capuana seiner Frauenfigur Giacinta Klugheit, Widerstandswille und eine moderne Bereitschaft, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen und Entscheidungsfähigkeit zu. Darin besteht für mich die große Bedeutung dieses Romanes, ganz abgesehen davon, dass der Stil, in der dieses spannende Schicksal erzählt wird, mitreißend, bildhaft und kein bisschen angestaubt ist.


„Giacinta“ von Luigi Capuana
329 Seiten
Roman, gebunden
Manesse Verlag 2017
ISBN 978-3-71753-434-2
26,95 €

6. Januar 2018

Unaufgeregter Kleinstadtroman




Seine sechs Romane hat der amerikanische Autor Kent Haruf in einer fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado spielen lassen. 
Wenn man sich die Bilder des Journalisten Max Liu anschaut, die er 2014 bei einem Interview mit dem amerikanischer Autor aufnahm und die die Gegend von Colorado zeigen, in der Holt angesiedelt sein könnte, erblickt man karges, braunes, trockenes, baumloses und flaches langweiliges Land mit ein paar spärlichen Farmerhäusern und schnurgeraden Wegen und Straßen. Kein Ort, an den ich auch nur einen Gedanken verschwenden würde, geschweige denn mich wohlfühlen könnte. 
Dennoch wuchs mir der Ort Holt und die darin lebenden Personen beim Lesen des preisgekrönten Romans „Lied der Weite“ so sehr ans Herz, dass ich traurig war zu gehen und sehnsüchtig auf weitere Veröffentlichungen von Kent Haruf in deutscher Übersetzung hoffe.

(Fotos und Artikel des Journalisten Max Liu:

Die 17jährige Victoria wird von ihrer Mutter hinausgeworfen nachdem sie schwanger von ihrer Sommerliebe Dwayne geworden war. Sie möchte das Kind austragen, auch wenn sie keine Ahnung hat, wo der Vater des Kindes lebt, den sie eigentlich kaum kennt. Ihre Lehrerin Maggie schickt sie zu den Brüdern McPheron, zwei alten Viehzüchtern, die seit Jahrzehnten allein auf ihrer abgelegenen Farm leben. Nachdem die beiden anfangs etwas widerwillig Victoria bei sich aufnehmen, entwickelt sich bei Raymond und Harold etwas schwerfällig und sehr unbeholfen eine tiefe Zuneigung zu dem schüchternen und stillen jungen Mädchen. Sie haben keinerlei Erfahrung mit jungen Frauen, sind aber auf absolut rührende und beim Lesen oft witzige Weise bemüht, alles richtig zu machen, um das Mädchen nicht zu verschrecken und zu vertreiben und ihr ein Heim zu bieten.
Tom Guthrie, ebenfalls Lehrer an der Highschool von Holt, kämpft nach einer zerbrochenen Ehe gemeinsam mit seinen beiden Söhnen Ike und Bobby gegen die Einsamkeit. Die beiden Jungen haben einen einfachen und festen Tagesrhythmus mit Zeitung Austragen, Schule und Arbeit am Nachmittag, der vom Auszug der Mutter durcheinander gebracht wird. Kindlich und eng aneinander gebunden finden sich die Jungen in ihr Schicksal, versuchen Auswege aus der Langeweile während der Ferien zu finden und bemühen sich bei Besuchen um ihre depressive Mutter. Tom Guthrie sucht und findet neue Liebe auf die typisch kleinstädtische Art unter Beobachtung aller Augen.

Es ist kein schönes oder angenehmes Leben in der langweiligen Prärie von Colorado, das der Roman beschreibt, sondern das harte Erarbeiten von Lebensmut in karger und abweisender Umgebung. Im Gegensatz dazu beschreibt Kent Haruf seine Figuren voller warmer Melancholie und Aufrichtigkeit, lässt sie ohne große Abschweifungen ihren Alltagsgeschäften nachgehen. Man spürt jedoch in jedem Satz, wie sehr die Menschen aufeinander aufpassen und füreinander da sind, auch wenn dies erst auf den zweiten Blick deutlich wird und manch einer einen Schubs aus seiner Einsamkeit und Eingefahrenheit heraus braucht. Es wird im Laufe der Geschichte sehr deutlich, dass nicht nur Blutsverandschaft Familie und Geborgenheit ausmacht, sondern dass sich Zusammengehörigkeit manchmal erst ergeben muss und man sich seine Familie selbst sucht.

Mit großer Selbstverständlichkeit und knapper, fast spröder Sprache wird die Geschichte aufgerollt. Obwohl wenig Spannung in die Geschehnisse gebracht wird nimmt das Buch sehr gefangen und wenn man sich einmal auf die Kleinstadt Holt und die manchmal fast ruppigen Figuren eingelassen hat, lässt es den Leser nicht mehr los.
Mich hat diese Art des Erzählens in all ihrer Gelassenheit und Unaufgeregtheit sehr fasziniert, ich habe beim Lesen die Kraft und den Sog deutlich gespürt, den die Geschichte entwickelt und habe am Ende das Buches sehr ungern zugeklappt.


Für mich ist der preisgekrönte Roman „Lied der Weite“ ein sehr beeindruckendes und nachhaltig wirkendes Stück Literatur eines großen Schriftstellers, den man als Liebhaber tiefgründiger Romane gelesen haben sollte.


Kent Haruf “Lied der Weite“
Roman, Hardcover Leinen
384 Seiten
Diogenes Verlag
Erscheint am 12. Januar 2018
ISBN 978-3-257-07017-0
€ (D) 24.00 / sFr 32.00 / € (A) 24.70

2. Januar 2018

Düstere Spannung




Im Buch „Die Eishexe“, dem zehnten Band der Reihe um den Ermittler Patrick Hedström und seine Frau Erica Falck, zieht die schwedische Bestseller-Autorin Camilla Läckberg neue Register. 
Sie verknüpft geschickt einen aktuellen Fall und dessen Ermittlungen mit einem dreißig Jahre zurückliegendem Mord und mit einer Hexenjagd aus dem 17. Jahrhundert.

Ein kleines Mädchen, die vierjährige Linnea Berg, wird vermisst und kurze Zeit darauf tot aufgefunden. Beängstigende Parallelen zu einem dreißig Jahre zurückliegendem Mordfall tun sich auf, die entweder auf denselben Täter oder eine Nachahmung schließen lassen. Damals war ebenfalls ein kleines Mädchen, die vier Jahre alte Stella, verschwunden und ermordet aufgefunden worden, und es wurde nie zufriedenstellend geklärt, was genau damals vorgefallen war.
Parallel dazu verfolgt man beim Lesen eine alte Geschichte aus dem 17.Jahrhundert, aus der Zeit der Hexenverfolgungen in der Gegend von Fjällbacka, die ihre Spuren bis in die Gegenwart auszustrecken scheint.
Erika Falck, die bekannte Schriftstellerin, arbeitet gerade an einem Buchprojekt, das sich mit dem alten Mordfall an der kleinen Stella Strand auseinandersetzt. In bekannter und sehr lesenswerter Manier unterstützt sie die polizeilichen Ermittler aus Tanum bei ihren Nachforschungen mit kühlem kriminalistisch spitzfindigem und sehr menschlichem Blick. 
Ebenso mit von der Partie sind syrische Flüchtlinge, die am Rand von Tanum, ausgegrenzt vom sozialen Leben, eine Unterkunft gefunden haben, die ihnen leider keine Sicherheit bietet. Die Anfeindungen nehmen zu, die Situation eskaliert und die Polizei von Tanum hat mehr als alle Hände voll zu tun.

Lieb gewonnenen Protagonisten aus vorherigen Bänden mit ihren sozialen Verbindungen, ihren Ecken und Kanten, begegnet man auch in diesem Band wieder. Neben den Ermittlern aus Tanum und ihren Familien kommen neue Personen dazu, die mit dem aktuellen Fall und dem alten Kindermord verknüpft sind. Das für mich große Vergnügen beim Lesen besteht eben darin, dass Charaktere nicht nur als gehetzte Polizisten oder klischeehafte Bösewichte auftreten und ihre Rolle spielen, sondern dass es viele Grautöne gibt, dass die Geschichte nicht ausschließlich von Spannung der Krimihandlung sondern auch von den sehr persönlichen Hintergründen zu den Charakteren lebt. Liebevoll und dreidimensional sind die Figuren gezeichnet, lebensecht und glaubhaft. Auch im Scheitern und bei den Tätern findet man glaubhafte und eindringliche Beschreibungen der Personen und ihrer Beweggründe. Genau das ist es, was mir an den Läckberg-Krimis so gut gefällt und was sie zu etwas Besonderem macht.

Ein wirkungsvoll und gut eingearbeiteter Aspekt ist die aktuelle Flüchtlingssituation. Am Ortsrand von Tanum, unverstanden und sozial ausgegrenzt, sind arabische Familien untergebracht, die in die Handlung geschickt integriert werden. Die Autorin betrachtet Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln, so auch aus dem der beiden syrischen Jugendlichen Khalil und Adnan oder dem Familienvater Karim, die auf der Suche nach einer neuen Heimat durch die Geschehnisse stolpern, angefeindet werden, auf Feindschaft und auf Hilfsbereitschaft gleichermaßen stoßen. Es wirkt sehr natürlich und in keiner Weise zu sehr gewollt, wie mit der Thematik im Buch umgegangen wird.

Die Geschichte spielt auf verschiedenen Zeitebenen. Neben dem gegenwärtigen Mord an der kleinen Linnea wird von Ermittlungen von vor 30 Jahren zum Mord an der vierjährigen Stella erzählt. Zusätzlich springt man in die Vergangenheit ins 17. Jahrhundert zur Geschichte über eine Hexenjagd, die mit einem Fluch mit Bezug zur Gegenwart endet.
Die Zeitebenen sind recht gut auseinanderzuhalten, und mit aufmerksamen Lesen kommt man auch mit den viele Charakteren klar. Allerdings wäre ein Personenverzeichnis für Neulinge der Reihe sicher hilfreich.

Was mich an dem Roman gestört hat sind zum einen Wiederholungen, die manchmal sogar im darauffolgenden Satz zum selben Sachverhalt, einfach mit anderen Worten, gemacht wurden. Oder Wiederholungen innerhalb der Geschichte mit Bezug auf vorangegangene Handlungen, so als müsste für den Leser nochmal kurz zusammengefasst werden, was 50 Seiten zuvor passiert war. Dadurch zog sich für mich teilweise dass Geschehen zu sehr , hier hätte dem Buch ein strafferes Lektorat sicher gut getan.
Zum zweiten war ich ein klein wenig enttäuscht vom letzten Teil des Buches. Ein kurzer und richtig böser showdown, eine für mich nicht ganz zufrieden stellende Aufklärung des aktuellen und alten Falles, und ganz zum Schluss zieht schnell wieder eitel Sonnenschein ein, fast als dürfte das friedliche und beschauliche Leben trotz großer Katastrophen keinen wirklichen Kratzer bekommen.


Insgesamt sehe ich das Buch als sehr lesenswerten Roman, dem ein wenig Straffung sicher ganz gut getan hätte, ich vergebe 3 Sterne dafür.

Camilla Läckberg „Die Eishexe“
Kriminalroman, 752 Seiten, gebunden
List Verlag
Januar 2018
ISBN 978-3471351079
22 €

Mitreißend und erschütternd - Hörbuch






Eine Südstaatengeschichte, deren Verfilmung bereits Furore macht und eine hochkarätige Riege von Sprechern - das hat mich sehr neugierig gemacht, und ich wurde nicht enttäuscht von der deutschen Hörbuch-Version von „Mubound. Die Tränen von Mississippi“ der Autorin Hillary Jordan. Es ist eine ergreifende, mitreißende, spannende und interessante Geschichte zweier Familien in den Südstaaten der USA nach dem 2.Weltkrieg, die von sechs Sprechern aus dem jeweiligen Blickwinkel eines der sechs Protagonisten des Romanes eindringlich und absolut passend gelesen wird.

Kurz nach Kriegsende folgt die liberal erzogene Südstaatlerin Laura McAllan ihrem Ehemann Henry auf eine Baumwollplantage in Mississippi, die weit von ihrer gewohnten städtischen Umgebung entfernt ist, und auch noch mit extrem rückständigen Wohnverhältnissen aufwartet. Begleitet von ihren beiden geliebten Töchtern und dem rassistischen, bösartigen Schwiegervater richtet sie sich mehr schlecht als recht ein, wohingegen ihr Mann Henry als Farmer förmlich in seiner Aufgabe aufblüht.
Wie damals in den Südstaaten auf den Baumwollplantagen üblich hat die weiße Farmerfamilie McAllen Pächter, die sie auf den Feldern unterstützen und einen Teil ihres Ertrages an den Eigentümer abtreten müssen. Eine davon ist die schwarze Familie Jackson, die unermüdlich dafür arbeitet und kämpft, sich ein eigenes Stück Land leisten zu können. Dafür arbeitet Hap Jackson gemeinsam mit seinen Kindern auf den Feldern für die McAllens und Florence, seine Frau, unterstützt Laura McAllan im Haushalt. Der Schmutz, der anstrengende und unsichere Alltag des Landlebens, die Engstirnigkeit der Umgebung und ein Unglücksfall schaffen eine angespannte Situation, in die die beiden Kriegsheimkehrer Ronsel Jackson und Jamie McAllen kommen. Alte und neue Wunden brechen auf, und nicht zuletzt wegen der missgünstigen und rassistischen Umgebung eskaliert letztlich alles.

Das Hörbuch bietet einen ungewohnten Blickwinkel, nämlich nicht entweder den der armen schwarzen oder einer armen weißen Familie in den Südstaaten, sondern widmet sich ausdrücklich den Berührungspunkten, an denen beide Familien verknüpft sind. Das ist die willensstarke, stolze und eindrucksvolle schwarze Florence, die als Haushaltshilfe der gütigen Laura McAllan zur Hand geht. Obwohl beide in ihren jeweiligen Rollen gefangen sind, schreiten sie an die Ihnen zugedachten Grenzen und widersetzen sich bis zu einem gewissen Grad den Rassengesetzen, indem sie fast so etwas wie Vertrautheit und Achtsamkeit füreinander empfinden. 
Einen Schritt weiter gehen Ronsel Jackson, Florences Sohn und Kriegsheimkehrer, und Lauras Schwager Jamie McAllan, ebenfalls Kriegsheimkehrer, die sich beim Trinken gegen die Dämonen, die sie aus dem Krieg mitbrachten, anfreunden und dabei ziemlich offen gegen die Rassengesetze und den „guten Ton“ im Baumwollpflückerland rebellieren.
Auch dem Leid und der Schuld, die die beiden Familien verbinden, widmet sich die Autorin in ihrem eindrucksvollem Debüt, nämlich als der konservative Süden zuschlägt und Ausgrenzung, Hass und Tod über die Familien bringt.

Neben der eigentlichen Geschichte bietet das Buch Einblick in die verheerenden damaligen Zustände in den Südstaaten der USA. Heute unvorstellbar, damals Alltag, dem keiner ohne Strafe entfliehen konnte, wird von der strikten Trennung Schwarz und Weiß berichtet, die vielerorts im Süden nicht nur gesetzlich verankert war, sondern gesetzeswidrig aber dennoch geduldet durch die fürchterlichen Greueltaten des Klu-Klux-Klan durchgesetzt wurde. Durch die Nähe, die die Autorin zu den Personen schafft, und die auch die Sprecher gekonnt transportieren, bekommt dieser Aspekt des Buches eine besonders abartige und grausame Komponente. Da ist zum Beispiel der schwarze Ronsel Jackson, der für die Weißen im 2. Weltkrieg kämpfte, viele Auszeichnungen gemeinsam mit seiner schwarzen Panzerdivision bekam, aber dennoch nach seiner Heimkehr von weißen Rassisten wie Abschaum behandelt wird und einer hohen gesetzlich begründeten Gefängnisstrafe ins Auge sieht, weil er im Krieg ein weißes deutsches Mädchen liebte.

Es ist erstaunlich, wie es die Autorin schafft, aus einem recht friedlichen Anfang eine Geschichte voller Qualen aufzubauen. Geschickt verknüpft sie die Gegenwart mit ein paar eingestreuten Rückblicken, wechselt die Orte von der Farm in Mississippi in einen Panzer oder ein Flugzeug mitten im Kriegsgebiet Europa und lässt die verschiedenen Protagonisten ihren Blickwinkel der Geschichte erzählen, ohne dabei den Faden zu verlieren. 
Es ist großartig, wie dadurch Spannung aufgebaut wird, so dass ich fast erbarmungslos getrieben wurde, weiter zu hören.


Das Hörbuch hat mir ausgezeichnet gefallen, es hat mich gefesselt und erschüttert durch die Geschichte selbst und durch die sehr gekonnte Umsetzung. Ich vergebe begeisterte fünf Sterne.

Mudbound. Die Tränen von Mississippi von Hillary Jordan
8 CDs OSTERWORLD Audio
ISBN 978-3869523804
20,00 €

9. Dezember 2017

Ungewöhnlich und Lesenswert



Sasha Marianna Salzmann hat mit dem Buch „Außer sich“ eine ungewöhnliche Familiengeschichte einer sowjetischen Aussiedlerfamilie geschrieben, die, wenn man den von der Autorin gelegten Pfad folgt, Generationenroman und faszinierende Selbst-Suche in einem ist. Stilistisch merkt man dem für mich überwältigendem Romandebüt den Theaterbackground der Hausautorin des Maxim Gorki Theaters (Berlin) an, nur zögernd und bruchstückhaft angeordnete Szenen hangeln sich an Zeitsprüngen entlang zu einem zunächst zersplittertem und erst allmählich durchschaubarem Bild, dessen Fixpunkte oft historische Ereignisse anstatt klarer Zeit- und Personenangaben sind. Lange fast atemlose Sätze spinnen Gedanken und erlauben Blicke in verschiede Richtungen, ohne restlos abzuschweifen, und kommen am Ende immer auf den Punkt, so dass man nie wirklich den Faden verliert. Das Lesen fordert allerdings, und es ist wohl besser, das Buch möglichst in einem Rutsch durchzulesen.

Zum Inhalt:
Eine Aussiedlerfamilie, die in den 1990er Jahren in einem Wohnheim in Deutschland lebt, ist nie richtig angekommen und schon innerhalb der anderen Asylanten fremd wegen der jüdischen Wurzeln. Gewalt und Diskriminierung lassen die Zwillinge Alissa und Anton das Anderssein seit der Schulzeit deutlich spüren, doch das ist in der Familie nicht neu. Bereits Großeltern und Eltern lebten Schulter an Schulter mit der Gewalt, sei es durch Repressalien an den sowjetischen Juden oder Gewalt in der Ehe durch Alkohol und Unterdrückung. Alissa und Anton, in der alten Zweizimmerwohnung am Stadtrand von Moskau, in der drei Generationen unter einem Dach lebten, komplett aufeinander fixiert und ineinander verkrallt, wenn die Eltern aufeinander losgehen, schaffen den Sprung nach Deutschland nicht, und eines Tages verschwindet Anton spurlos. Eine Postkarte aus Istanbul weist Alissa den Weg, der zur Suche nach ihrem Bruder und nach ihrer eigenen Identität wird. Ein verwanztes Sofa in der Istanbuler Wohnung des Onkels eines Freundes dient ihr in der fremden, pulsierenden und gnadenlosen Stadt als Schutzschild gegen das Leben. Istanbul wird hier nicht als lichtdurchfluteter duftender Ort an der Grenze zwischen Orient und Okzident dargestellt, sondern als dunkles und gefährlich anmutendes Rattenloch mit seltsamen und zwielichtigen Gestalten. Alissa lässt sich bei ihrer Suche nach Anton auf die Metropole ein und lässt sich gemeinsam mit dem Leser treiben im sumpfigen Strom.

Die suchende Alissa ist Rebellin und Zerrissene, sich Verkriechende zugleich. Sie ist nicht gut greifbar, kein Sympathieträger und für mich auch keine Person, mit der ich mich identifizieren kann und möchte. Je mehr sie von ihrer Familiengeschichte findet und aufspult, desto größer scheint ihre Unsicherheit und die Gefahr, sich zu verlieren, ihr Handeln und ihre Entscheidungen sind auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar, willkürlich und unlogisch. Aber genau darum geht es für mich bei dieser Figur: ich soll sie wertungsfrei auf ihrer Suche begleiten, deren Ende zwar die Geschichte der Familie aufzeigt, bezüglich der Identitätssuche jedoch zumindest teilweise offen bleibt.

Die Normalität, mit der die familiäre Gewalt beschrieben wird, Schläge, Vergewaltigung als alltägliches Handeln emotionslos dargestellt werden, ist für den Leser durchaus grenzwertig und verabscheuungswürdig. Die Kinder Alissa und Anton haben von vornherein keine Chance, innerhalb dieser ständig schlagenden, alkoholisierten Familie ihren Platz zu finden, und das schmerzt beim Lesen, auch wenn mir völlig klar ist, dass die dargestellten Verhältnisse tatsächlichem familiären Leben in der postsowjetischen Ära in den Betonsiedlungen am Rand großer Städte entsprechen.
Die Ausgrenzung der Juden in der ehemaligen Sowjetunion, ihre Verfolgung und Deportation, die in der Stalinzeit begann, nimmt als Teil der Familiengeschichte, die in Rückblicken erzählt wird, einen wichtigen Platz im Buch ein. Mäandernd aber chronologisch, lernt man die Familie beginnend bei den Urgroßeltern kennen, auch wenn man sich die Daten selbst anhand historischer Ereignisse selbst erarbeiten muss.

Hauptaugenmerk des Romanes ist die Suche von Alissa (Ali), und so sollte man es auch zu nehmen und zu lesen wissen. Dabei spielt ihre Identität, ihre Wurzeln und auch ihre sexuelle Orientierung eine gleichwertig wichtige Rolle. 
Teils gewollt verwirrend beim Lesen und für mich am Ende dennoch ein Bild ergebend kommt die Geschichte beim Leser an, die man sich konzentriert und unvoreingenommen offen erarbeiten muss, um Gefallen am Buch zu finden.

Die ungewöhnlich erzählte Geschichte einer Verlorenen im fremden Land, die den Leser nicht an sich heran lässt, ist für mich fesselnd und fordernd zugleich, und ich empfehle es allen, die willens sind, sich auf eine distanzierte Erzählung mit richtig guter Dramaturgie und offenem Ende einzulassen.

Ich wünsche dem für mich sehr authentischen und eindringlichen Buch viele interessierte Leser.



Sasha Marianna Salzmann
Ausser Sich
Roman, gebunden, 366 Seiten
Suhrkamp Verlag September 2017
ISBN 978-3518427620
22,00 €