25. Juli 2017

Britisch, etwas schrullig und wortgewandt






Unterhaltsam, etwas schrullig und betulich, also „very British“ präsentiert sich der Roman „Eine von uns“ der britischen Autorin Harriet Cummings. Das Buch zeigt treff- und stilsicher die Zerbrechlichkeit einer Gemeinschaft, und dies mit der Dynamik der Furcht und Unsicherheit vor Unbekanntem.
Die Geschichte nimmt Bezug auf reale Ereignisse im Sommer 1984, als in Dörfern in den Chiltern Hills (GB) ein Einbrecher namens Fox umging, der zwar nichts gestohlen, aber Unordnung in der Häusern verursacht hat.

Delores ist jung, hübscher als Madonna und auf der Suche nach harmloser Ablenkung von ihrer frustrierenden Ehe in einem kleinen englischen Dorf in den 1980er Jahren. Sie verliert ihre neue Freundin Anna, eine unscheinbare junge Frau, die einfach so verschwindet. Die Dorfbewohner vermuten, dass der geheimnisvolle Einbrecher Fox verantwortlich ist, der nichts stiehlt sondern die Ordnung in Häusern, insbesondere in den Schlafzimmern ihrer Bewohner, ein wenig durcheinander bringt. Die Angst greift um sich, Vermutungen zur Identität von Fox führen zu gegenseitigen Anschuldigungen und schließlich zur Bewaffnung…

Die Autorin Harriet Cummings zeichnet in ihrem Debütroman ein treffendes und abgründiges Bild einer englischen Dorfgemeinschaft abseits der Hauptstraße. Einiger der Bewohner führen über lange Zeit ein Schattendasein, man würde ihr Verschwinden wahrscheinlich nicht einmal bemerken. Neulinge und Zugezogene finden nur schwer oder gar nicht ihren Platz, es gibt keine Willkommenskultur, sie sind Fremde und werden so behandelt. 
Als sich die Unsicherheit und Hysterie unter den Bewohnern breit macht, bröckelt auch der einstmals gute, auf genaueren Blick aber sehr fragile Zusammenhalt unter den Menschen haltlos. Die augenscheinliche Idylle fällt und raffiniert spielt die Autorin mit gegenseitigem Misstrauen und der zunehmenden Aggressivität.

Unterstützt wird die Spannung durch die gut angelegte Charaktere. Neben Deloris, die zunehmend frustriert erscheint, gibt es ihre neue Freundin Anna, die jahrelang ein Schattendasein in der Krankheit ihrer Mutter führte und auch nach deren Tod kaum wahrgenommen wird, Brian der Dorfpolizist ist offen und sympathisch dargestellt, er kümmert sich um seinen kranken Bruder, oder der neue Vikar Jim, der mit seiner dunklen Vergangenheit zu kämpfen hat und wie Delores ein Fremder und Neuling im Dorf ist.


Im Klappentext wird Hochspannug á la Hitchcock versprochen. Das sollte man von diesem Buch nicht erwarten. Wenn auch spannend erzählt dreht sich die Geschichte mehr um schrulliges und abgründiges Verhalten, um soziale Bindungen und um den Platz des Einzelnen in einer festgefahrenen Gemeinschaft. Es ist ein tiefgreifendes und für mich hochinteressantes Portrait einer abgeschotteten Dorfgemeinschaft in der Krise, das die Autorin zeichnet, sie hat den Finger auf der Wunde und betrachtet das Ganze dennoch mit angenehmen Witz, ohne dabei zynisch zu werden.




Harriet Cummings "Eine von uns"
Roman gebunden, 368 Seiten
Deuticke Verlag
Juli 2017
ISBN 978-3552063358
20,00 €

Ende und Anfang






Klimatisches Chaos, Anstieg des Meeresspiegels und Überflutung einer Großstadt direkt vor der eigenen Haustüre ist die Ausgangssituation diese Buches, das die beängstigende Flucht vor der Klimakatastrophe thematisiert. Ungewöhnlich beschrieben bildet die Katastrophe selbst nur das Hintergrundrauschen des Weges einer namenlosen jungen Frau mit ihrem Neugeborenen Z und ihrem Ehemann R weg vom steigenden Meeresspiegel, aber auch weg von der gewohnten Umgebung, vom Zuhause, von der Zivilisation.

Anfang und Ende - Katastrophe und Geburt - Apokalypse und Neubeginn, damit spielt die Autorin Megan Hunter in ihrem Debütroman. London steht unter Wasser, und eine junge Frau entbindet im Krankenhaus ein Baby wie auf einer Arche, benannt ausrerechten nach dem letzten Buchstaben des Alphabets -Z. 
Die gewohnten Fixpunkte der westlichen Zivilisation schwimmen anfangs langsam und dann immer schneller mit den Fluten davon, als die kleine Familie zunächst aufs Land zu den Schwiegereltern flieht und dann weiter in Flüchtlingslager und in die Berge zieht.
Die Geschichte zerfasert immer mehr, mit dem Fortschreiten der Flucht brechen Informationsstrukturen wie das Handynetz, die Infrastruktur und der Familienzusammenhalt auseinander. Als Leser sieht man wie die Protagonistin die kläglichen einstmals wichtigen Reste des menschlichen Zusammenlebens nur noch in grauen Fetzen vorüberstreifen.
Es gibt allerdings auch kleine Enklaven des Friedens inmitten des nicht erfassbaren Chaos, wenn sich Gruppen alleinstehender Mütter in Lagern zusammentun und sich gegenseitig helfen erinnert das sehr an positive ursprüngliche menschliche Instinkte und gibt Hoffnung inmitten all der Trostlosigkeit dieses dystopischen Romanes.

Wie in Stein gemeißelte Sätze, die mich an biblische Texte und an ein Poem zugleich erinnern, abgehackte Gedankensplitter und Blitzlichter vermitteln dem Leser ein Gefühl, das die junge Frau auf ihrer Flucht haben muss: nämlich Abschottung, Informationsmangel, Ratlosigkeit und Ziellosigkeit. Man weiß ebensowenig wie sie, was eigentlich genau passiert ist, man spürt die Auswirkungen der Katastrophe und lebt wie sie auch im Augenblick, ohne Rückblick oder Weitsicht nach vorn. Nichts ist vorgekaut oder für den Leser zurechtgelegt. 
Das ist einerseits genial, da es das Gefühl der Hilflosigkeit und Bedeutungslosigkeit des Einzelnen auf grandiose Weise vermittelt, andererseits jedoch fordernd und anstrengend beim Lesen. Man muss sich darauf einlassen wollen, und wer das nicht schafft, wird wohl keinerlei Gefallen an dem Buch finden, denn es liefert keine Erklärungen sondern nur Momentblicke.
Zusätzlich wird durch Namenlosigkeit bzw. durch Verwendung von Anfangsbuchstaben bewusst Distanz zu den Personen aufgebaut, zum Beispiel sucht der Ehemann R panisch die Einsamkeit abseits von Flüchtlingslagern, und man spürt als Leser sehr deutlich, dass er sich auch als Charakter völlig zurückzieht und nicht greifbar ist, wie übrigens in meinen Augen alle Charaktere des Buches.

Ich war und bin hinsichtlich der Beurteilung des Buches zwiegespalten. Einerseits genial, innovativ, modern und sehr zeitgemäß, andererseits schwierig zu lesen, auch wenn man der Geschichte selbst sehr gut folgen kann, von hingeworfenen Brocken geprägt, wie die oft stichpunktartigen Tagebuchaufzeichnungen einer Person, zu der man keinen Bezug herstellen kann.
Ich habe das Buch eher analytisch und weniger mit der loslassenden Freude an einer guten Geschichte gelesen und konnte von meinem bequemen Lesesessel aus andererseits deutlich spüren, wie grauenvoll, einsam und trostlos eine erzwungene Flucht aus dem gewohnten Umfeld ist.
Vielleicht liegt genau darin der Reiz der Lektüre? Dass man keine vorgegebenen Wege gehen kann, sondern wie die flüchtende junge Frau gebeutelt und hin und hergerissen ist? Dass man mehr erfühlt als durch Worte erfährt? 

Eine pauschale Leseempfehlung kann ich nicht geben, doch es ist eine höchst interessante Leseerfahrung, und wer moderne, dystopische und nicht unbedingt detailverliebt erzählte Geschichten mag, sollte sich auf das Buch einlassen.




Megan Hunter "Vom Ende an"
Roman gebunden, 160 Seiten
Verlag C.H. Beck
Erstauflage Mai 2017
ISBN 978-3-3406705076
16,00 € 

20. Juni 2017

Mystische Familiengeschichte




Eine Familiengeschichte, die auf einer Insel an der Grenze zwischen USA und Kanada spielt, verbunden mit dem Mystizismus des Meeres und der Liebe zum Ozean - es hätte ein wirklich großartiges Buch sein können. Doch die Lektüre macht es mir ein wenig schwer, mit der Geschichte wirklich warm zu werden. Ich will das Buch so gerne sehr lieben, weil es großartige und innige Passagen zur Verwurzelung der Familie Kings mit der Insel Loosewood Island und dem Ozean, mit der Tradition und Kunst des ersten der Kings, dem Hummerfischer und Maler Brumfitt, zum Segen und Fluch des Ozeans enthält, die mir wirklich nahe gehen und dicht und nachvollziehbar erzählt sind, und weil es eine aufregende Familiengeschichte erzählt. 
Wären da nicht die hineingepflanzte zusätzliche Spannung zum Kampf um die Fanggebiete der Insel mit Fischern der Küstenstadt James Harbor und der Drogenhandel, die das Leben auf der Insel bedrohen und die auf mich oft wie ein Fremdkörper beim Lesen wirken, fast unpassend, insbesondere bezüglich der Hauptfigur Cordelia Kings. 
Natürlich soll die Geschichte damit mehr Schwung und Spannung bekommen, allerdings ist es leider einfach zu viel gewollt und für mich unglaubwürdig. Die Schönheit und die Rauheit des Lebens auf dem Meer, die Ursprünglichkeit der Insel und die Verbundenheit zum Ozean, die man beim Lesen deutlich spüren kann, geht dadurch ein wenig verloren, zugunsten einer für mich wirklich fragwürdigen Krimihandlung.

Dennoch ist es ein Buch, das ich zum Lesen empfehlen möchte, auch wenn die Geschichte Störungen und Versatz aufweist. Es ist ein in vielen Passagen ruhiges und schönes Buch, das die Wurzeln der Familie Kings über 300 Jahre Familiengeschichte und den Hummerfang aufrollt. Der Hummerfang und die Insel, auf der die Kings nicht nur dem Namen nach die heimlichen Könige sind, bilden die Basis für das Leben der Familie. Beginnend mit Brumfitt Kings, der vor mehr als 300 Jahren auf die Insel kam und nach der Sage über das Meer laufen konnte, weil es hier so viele Hummer gab, fuhr immer ein Kings einer Generation auf den Ozean hinaus, war für das Meer geboren und mit der See verwoben.
Brumfitt Kings war auch ein Maler stimmungsvoller und mystischer Bilder vom Ozean und von der Insel, bekam seine Frau vom Ozean in Form eines Wandelwesens geschenkt und prägt mit seinen hinterlassenen Tagebüchern und mittlerweile berühmten Bildern die Gedankenwelt von Cordelia Kings, die sich auf der Insel als Hummerfischerin behaupten will.

Das Buch erzählt Cordelias Geschichte, die ihrer Schwestern und ihres Vaters Woodbury Kings, mit Rückblicken in ihre Kindheit und in die Vergangenheit der Familie Kings. Ihr Kampf, sich in der Männerwelt der Hummerfischer zu etablieren, das Ringen um die Liebe ihres Vaters, ihre Verbundenheit zu den Gemälden von Brumfitt und zu seinen Geschichten und ihre Interpretation der Gemälde bezüglich der Familiengeschichte machen das Buch zu etwas besonderem. Die Figur Cordelias und ihres Vaters wirkt in diesen Passagen lebensnah, echt, dreidimensional und trotz oder vielleicht gerade wegen der angedeuteten mystischen Verbindung zum Ozean auf mich sehr glaubwürdig und interessant. Die Charaktere stehen im Vordergrund, und Ereignisse, die die Familie prägen, werden dem Leser fast nebenbei hingeworfen, was mir sehr gut gefällt.
Im wirklich krassen Gegensatz dazu steht Cordelias Kampf mit den Fischern aus James Harbor. Minuziös und durch den thrillerhaften Fokus des Neugierigen werden blutige Details dargeboten, zwar spannend, aber in der Erzählweise und im Stil störend für den Rest der Geschichte.
Nicht nur dadurch, auch durch ihr Handeln in diesen Situationen selbst, das für mich aufgesetzt und unecht wirkt, verliert das Buch an Schönheit. Es wirkt auf mich fast so, als sollte die Spannung im Nachhinein durch ein paar Szenen aufgebessert werden, was ich wirklich sehr schade finde.




Die Hummerkönige
Alexi Zentner
Roman, Taschenbuch, 416 Seiten
erschienen im btb Verlag
Mai 2017 (deutsche Erstausgabe)
ISBN 978-3-442-71544-2
10,00 €

27. Mai 2017

Großartig und wichtig





"...denn um in der Natur und mit der Natur zu leben, müssen wir uns von der eigenen Natur entfernen."

Ein düsteres Zukunfts-Szenario einer Welt ohne Bienen ist der Beginn des preisgekrönten Buches "Die Geschichte der Bienen" der Norwegischen Autorin Maja Lunde. Mit großer Erzählkraft entfaltet sich dieses Debüt vor dem Leser, das ein anspruchsvoller und spannender Familienroman gespickt mit interessanten Sachdetails und zugleich Historienbuch und ebenso Dystopie ist.

"Die Kinder ernten die Zahlen und einige Schriftzeichen, davon abgesehen war die Schule aber nur eine Form der kontrollierten Verwahrung. Der Verwahrung und der Vorbereitung auf das Leben draußen."

Das Buch spielt in drei Zeitebenen, deren Verbindung die Bienen sind. Es setzt ein in einer Zukunft ohne Bienen mit Tao, der jungen chinesischen Arbeiterin, den Aufgabe zusammen mit tausenden anderen das Bestäuben von Obstbäumen ist und die sich für ihren kleine Sohn Wei-Wen eine bessere Zukunft erträumt. Doch plötzlich verschwindet der Junge auf unerklärliche Weise und Tao begibt sich auf die Suche nach ihm.
Im England des Jahres 1852 begleitet der Leser den gescheiterten und depressiven Biologen William. Als achtfacher Vater hatte er große Hoffnungen in seinen gescheiterten Sohn gesetzt und seine klügste Tochter Charlotte nicht beachtet. Als er mit der Erforschung der Bienenstöcke beginnt und einen perfekten Bienenstock entwirft, bekommt Williams Leben neuen Aufschwung.
Die dritte Geschichte erzählt vom Imker George in Ohio im Jahr 2007, der mitansehen muss, wie seine Bienen verschwinden und immer weniger werden. Der Sohn Tom soll den Hof mit der Imkerei übernehmen, dieser hat jedoch andere Pläne.

Maja Lunde spannt den Bogen von den Wurzeln der professionellen Imkerei Mitte des 19. Jahrhunderts zum Beginn des Bienensterbens Anfang des 21. Jahrhunderts bis zu einer Welt ohne Bienen im Jahr 2098. Alle drei Geschichten dienen letztlich der Frage, wie eine Welt ohne Bienen aussehen würde und wo und wie der Anfang vom Ende begann. Sie vermittelt das Gefühl der Freude am Erfinden und Forschen für den Biologen William, die massive Hilflosigkeit und Ohnmacht von George, der seinen Bienen beim Sterben zusieht ebenso wie den Mut und die Kraft einer jungen Mutter, die ihren Sohn finden möchte und auf der Suche nach einem kleinen Hoffnungsschimmer gegen das System rebelliert. 
Gleichzeitig hat die Autorin ein feines Gespür für familiäre Beziehungen von Eltern und Kindern, insbesondere die Erwartungshaltung von Vätern an ihre Söhne, die sich über die Jahrhunderte nicht geändert hat, und die Kraft der Frauen, die der Sprachlosigkeit und Enttäuschung Paroli bieten können.

"Wie verwachsene Vögel balancierten wir auf unseren Ästen, das Plastikgefäß in der einen Hand, den Federpinsel in der anderen. ...
Das kleine Plastikgefäß war gefüllt mit dem luftigen, leichten Gold der Pollen, das zu Beginn des Tages exakt abgewogen an uns verteilt wurde, jede Arbeiterin erhielt genau die gleiche Menge. Nahezu schwerelos versuchte ich, unsichtbar kleine Mengen zu entnehmen und in den Bäumen zu verteilen."

Vieles, was wir essen, hängt von der Bestäubung durch Insekten ab, und wenn Menschen wie Vögel mit Pinsel in Bäumen hängen um Blüte für Blüte selbst zu bestäuben erinnert das nicht nur an Mao, der in China vor Jahrzehnten alle Insekten ausrotten wollte und die Blüten auf die im Buch dargestellte Weise bestäuben ließ, sondern ist für den Leser eine durchaus greifbare Version einer vom Hunger geprägten und streng kontrollierten Zukunft. Ein weltweites Bienensterben hat verheerende Folgen für uns alle, und Maja Lunde ist nicht nur eine Autorin, die einen spannenden und sehr gut recherchierten Roman zum Thema geschrieben hat, sondern auch besorgte Mutter, die aufrütteln will. Das ist ihr gelungen, und ich vergebe begeisterte fünf Sterne für das Buch.


Maja Lunde "Die Geschichte der Bienen"
Roman gebunden, 512 Seiten
Verlag: btb
Erschienen im März 2017
ISBN 9783442756841
20 €

26. Mai 2017

Verstörende Geschichte




Hat ein Massenmörder eine zweite Chance verdient? Wen steht es zu, darüber zu entscheiden?
Im für mich sehr überraschenden Buch "Heute leben wir" von Emmanuelle Pirotte steht ein asozialer Menschenhasser zusammen mit einem kleinen jüdischen Mädchen im Mittelgrund der Geschichte. Eine ungewöhnliche Konstellation, die noch dazu verleitet, schreckliche Taten zu verzeihen und nach Menschlichkeit, Wärme und Vergebung bei einem Mann zu suchen, der für die SS vollkommen kaltblütig offen und verdeckt hinter feindlichen Linien mordet.

Der Roman ist angesiedelt 1944 in Belgien, wo das kleine jüdische Mädchen Renée auf der Flucht vor den Nazis dem US-Soldaten Matt anvertraut wird. Der vermeintliche Retter Matt oder besser Matthias ist jedoch Teil einer im Belgien verdeckten agierenden SS-Einheit, die bei der "Operation Greif" sowohl den Feind als auch in Belgien versteckte Juden ausrotten soll. Doch Renée bewirkt etwas bei Matthias, der sie nicht erschießt und sich ihrer sogar annimmt. Völlig gegensätzlich befinden sich nun beide auf der Flucht, Matthias, die Tötungsmaschine, der nicht erst seit der Naziherrschaft aus reiner Lust am Töten gemordet hat und Renée, das in sich gekehrte und abgeklärte Mädchen, das viel erlebte und einen faszinierend einfachen und klaren Blick auf Wesentliches hat, und finden sich versteckt auf einem belgischen Bauernhof wieder, umgeben von Nazis und Alliierten Befreiern.

Der vielschichtige und intensiv erzählte Roman hält viele Überraschungen in der Handlung und in der Vergangenheit der Hauptcharaktere bereit. Verstörend nahe steht man Matthias, der rein rational betrachtet ein hassenswerter Charakter ist, den man gerne verurteilen möchte. Aber die Autorin spielt mit dem Leser, sie verführt dazu, dass man geneigt ist, Matthias Glück für die Flucht zu wünschen. Nichts ist wie es scheint, wenig bekommt man direkt dargeboten und oft genug ist man verblüfft und fühlt sich herausgefordert, eigene Werte und ethische Normen zu Rate zu ziehen und das Dargebotene zu hinterfragen.

Nicht nur die beiden Hauptfiguren sind vielschichtig und interessant, auch die anderen Charaktere entziehen sich Schubladendenken, lassen viel Platz und Spielraum für Interpretationen und überraschen in ihrem Handeln. Wagemut und Zivilcourage finden genauso Platz wie Ängstlichkeit und Opportunismus, und interessanterweise misst sich das Handeln der Nebenfiguren meist an der mutigen und gnadenlos realistischen Renée. Mit abschätzendem Blick einer Außenstehenden scheint sie alle Ereignisse zu analysieren, egal ob sie dabei in menschliche Abgründe blickt oder kindliche Freude spürt. Matthias, der eigentlich zu allen den negativen Gegenpol geben könnte, manipuliert nicht nur die Menschen in der Geschichte, sondern auch den Leser mit seiner nahezu perfekten Maske.

Ein ganz winziger Kritikpunkt ist, dass ich sehr gerne nicht den weiteren Verlauf der Geschichte nach der Befreiung des kleinen Bauernhofes erfahren hätte. Für mich geht dadurch die psychologische Faszination der Situation auf dem belgischen Hof, die wie ein Blitzlicht aus dem großen Ganzen heraus eine Menschengruppe fokkusiert, verloren in den nachfolgenden Erklärungen und Ereignissen. Aber das ist wie immer Geschmackssache...

Es ist ein großartiges Buch, das nicht nur spannend und ergreifend eine tiefgründige Geschichte erzählt, sondern auch Zweifel an Moral und Ethik in den Raum stellt, zur Menschlichkeit und Sympathie verführt für die nicht wirklich fassbaren Hauptfigur Matthias und mir so vor Augen führt, dass ich durchaus manipulierbar bin, auch wenn ich mich sehr gerne dagegen wehren möchte.
Ich vergebe fünf Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung.




Emmanuelle Pirotte "Heute leben wir"
Roman gebunden, 288 Seiten
Verlag: S. Fischer
ISBN 9783103972115
Erschienen im März 2017
20 €

    20. April 2017

    Begeisterndes Debüt: ein kleines böses schnörkellos erzähltes Buch




    Der Roman "Der Club" von Takis Würger ist für mich eine Lese-Überraschung unter den Frühjahrsbüchern. Der Autor hat ein kleines Juwel geschaffen, und der Verlag Kein & Aber hat dem Text einen sehr passenden bibliophilen Rahmen gegeben.

    "Die Einsamkeit war ein Loch, das ich in meinem ganzen Körper spürte, als wäre von mir nur die Hülle eines Menschen übrig geblieben."  

    Hans Stichler, ein Junge aus einfachen Verhältnissen, bekommt die Chance, an der Universität Cambridge zu studieren. Als Kind hatte er die Mutter durch Krankheit und später den Vater durch einen Unfall verloren. Er war ein Außenseiter unter den anderen Kindern, als er angeregt durch seinen Vater mit dem Boxen begann und darin eine Stütze für sich findet.

    "Wenn ich heute an diese Zeit zurück denke glaube ich, dass mir andere Menschen erst erträglich wurden, als ich anfing, mich mit ihnen zu schlagen."

    Später, im Internat unter Mönchen, ist das Boxen für Hans die einzige Möglichkeit, dem harten Alltag und der Einsamkeit zu entfliehen. Kurz vor dem Abitur bietet ihm seine Tante Alex, eine Professorin in Cambridge, endlich die ersehnte Möglichkeit, bei ihr zu sein, getarnt als Stipendiat an ihrem College. Er soll ihr helfen, hinter die perfekte Fassade des elitären Pitt-Club zu blicken, dessen Eintrittskarte das Boxen ist. Hans weiß zunächst nicht, warum er Nachforschungen anstellt, doch je mehr sich zwischen altehrwürdigen Mauern, angefüllt mit Chesterfield-Möbeln, Trophäen und Kristall ereignet, umso mehr wünscht er sich, dazu zu gehören und nichts zu wissen. Er muss sich letztlich entscheiden, ob er für den richtigen Zweck bereit ist, das Falsche zu tun.

    "An manchen Abenden in diesem Club hatte ich mich gefühlt, als löse sich mein Ich langsam auf und irgendwann bliebe nur noch Hans Stichler übrig. Aber an diesem Abend wusste ich genau, wer ich war und wer ich nicht sein wollte."

    Die Geschichte, unterteilt in kurze Kapitel wie die Runden eines Boxkampfes, ist aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Das ermöglicht beim Lesen neben interessanten Einblicken einen Vorsprung gegenüber dem Protagonisten. Gebannt folgt man Stück für Stück der Demaskierung der Figuren und ihren Lebensumständen und wirft gemeinsam mit Hans einen höchst erschreckenden Blick hinter die Fassade der britischen Oberschicht. 
    Nach einem langsamen Start entwickelt sich das Geschehen nach Hans' Einführung in den Pitt-Club recht rasant. Und auch wenn der Hintergrund der Geschichte schnell durchschaubar ist, knabbert man an den einzelnen Verwicklungen ebenso wie an der Motivation der Charaktere, was subtil, höchst interessant und spannend ist.

    "Es ist egal, was du machst, wenn die Storys, die die Leute über dich erzählen, gut genug sind."

    Hans Stichler erweist sich als Charakter, dem man beim Lesen gerne nahe ist, weil er authentisch wie eine Figur aus dem echten Leben als einfacher Junge geblendet von Reichtum, Macht und Traditionen seinen Weg finden muss, nicht überirdisch wirkt, stolpert, und glaubhaft im rechten Moment zurück auf seinen Weg und zu seinen Idealen findet. Er ist ein Kämpfer, dem man jeden Sieg gönnt und dessen Gang ich beim Lesen gefesselt folgte. Der Autor hat selbst einige Jahre an einer Eliteuniversität in Großbritannien verbracht, war Mitglied eines Clubs und Boxer, wohl durch das eigene Erleben gerät seine Hauptfigur so lebensnah. Man fragt sich allerdings ständig, inwieweit die Schilderungen den Tatsachen entsprechen, doch diese Antwort bleibt aus.

    "Die Wahrheit...sind die Geschichten, die wir solange erzählen, bis wir glauben, sie wären Wirklichkeit."

    Ein wenig greifbarer und voluminöser hätte ich mir die beiden Frauenfiguren gewünscht. Alex, die Tante von Hans und Professorin in Cambridge, und Charlotte, ihre Studentin und Hans' Freundin, bieten beide viel und hochinteressanten spannenden Hintergrund, dennoch wirken beide auf mich etwas zu zweidimensional. Das mag daran liegen, dass das Hauptaugenmerk der Geschichte auf dem Pitt-Club und dem Boxen als Männerdomäne liegt und die Frauencharaktere den Hintergrund bilden, vor dem sich die Entwicklung abspult. Es ist ein ganz persönliches Empfinden, das der Rundheit des Buches jedoch nicht wirklich Abbruch tut.
    Die männlichen Begleiter von Hans sind dafür umso faszinierender und vielschichtiger und auf den ersten Blick dubioser ausgearbeitet, sie offenbaren sich erst auf den zweiten Blick. Josh als Sohn reichen Eltern, elitär, überheblich, verwirrend aggressiv und gleichzeitig menschlich und gefühlvoll, bemüht sich um die Freundschaft zu Hans. Und Angus, die graue Eminenz des Pitt-Club und Vater von Charlotte, zu dem Hans Zugang durch das Boxen findet und zu dem er sich hingezogen fühlt, wirkt auf den ersten Blick väterlich-besorgt und loyal, jongliert gleichzeitig im Job mit Menschen wie mit Spielfiguren.

    "In Cambridge hatte ich gelernt, wie viel Großes der Mensch leisten kann: er kann die Grundlagen der formalen Logik entwickeln, die Geschwindigkeit des Lichts errechnen und ein Medikament gegen Malaria finden. Aber in Cambridge habe ich auch gelernt, was der Mensch in seinem Kern ist: ein Raubtier."

    Am Ende geht alles auf, und Tarkis Würger hält noch ein paar kleine Überraschungen bereit, die sich im Nachhinein betrachtet perfekt und nahtlos ins Geschehen einfügen. 
    Der recht kurze und mit passender schnörkelloser und stellenweise fast brutaler Sprache erzählte Roman wurde völlig zu recht mit dem Preis als bestes Roman-Debüt auf der Litcologne 2017 ausgezeichnet und mit seinem in den Farben und Stil einer Pitt-Club-Krawatte bezogenem Einband ist es nicht nur des Inhaltes wegen ein kleiner Schatz, den man unbedingt lesen sollte.


    Takis Würger "Der Club"
    Roman in Leinen gebunden
    240 Seiten
    Erschienen im Februar 2017
    Verlag : Kein & Aber
    ISBN 9783036957531

    Preis 22 €


    Geschichte über Freundschaft, Vertrauen und Betrug





    Das Buch "Die Guten" von Joyce Maynard hat mich überrascht und von Anfang an gefangen gehalten. Der unaufgeregte und dennoch fesselnde Stil der Autorin, die Geschichte selbst und die nahe Beziehung zu ihren gut gezeichneten Figuren haben diesen Roman zu einen besonderen und empfehlenswerten Leseerlebnis für mich gemacht.

    Die Protagonistin Helen versucht nach ihrer Scheidung von Dwight für sich und ihren kleinen Sohn Oliver als Fotografin und mit Kellner-Jobs zu sorgen. Ihr allabendlicher Weingenuss wird ihr zum Verhängnis, sie wird mit ihrem kleinen Sohn auf dem Weg ins Krankenhaus mit Alkohol am Steuer angehalten und verliert das Sorgerecht für ihren Sohn, der der Stern ihres Daseins ist. Nur alle zwei Wochen darf Helen ihren Sohn Oliver für ein paar Stunden sehen, der in seiner neuen Familie allein gelassen und unglücklich ist und sich immer mehr von seiner Mutter entfremdet. Helen räumt schnell und rigoros mit ihrem Alkoholsucht auf, hat aber dennoch wegen hoher Schulden wenig Chancen, Oliver schnell zurück zu bekommen und leidet sehr darunter. 
    In dieser Situation lernt sie ein reiches hundevernarrtes Ehepaar, Ava und Swift Havilland, kennen, die Helen als Fotografin engagieren. Ava nimmt sich ihrer an, und schon bald geht sie im Haus der Havillands ein und aus, erledigt viele aufgetragene Aufgaben. Das charismatische Paar ist sehr großzügig, Helen genießt die Aufmerksamkeit der beiden sehr. Sie wollen ihr sogar dabei helfen, den Sorgerechtsprozess um Oliver zu bestreiten, doch irgendwann merkt Helen, dass dies alles mit Bedingungen gekoppelt ist und nach Ablösen der glanzvollen äußeren Lackschicht nicht alles ist wie es scheint.

    Helen wirkt anfangs kraftlos und von ihrer Trauer um den Verlust des Sohnes beherrscht. Sie ist zwar beim Bekämpfen ihrer Alkoholsucht auf dem richtigen Weg, scheint aber für de Wiedererlangung des Sorgerechtes gegen Windmühlen zu kämpfen. Wie ein hohles Gefäß wird sie durch das perfekt erscheinende Ehepaar mit Lebensmut und Freude angefüllt. Helen lässt alle alten und neuen sozialen Beziehungen hintenanstehen und gibt sich völlig den Wünschen von Ava und Swift hin. Man möchte Helen schütteln, weil beim Lesen unterschwellig trotz allen Glanzes und Glücks ständig ein ungutes Gefühl präsent ist.

    Langsam und unglaublich geschickt steigert die Autorin den Spannungsbogen, so dass man das Buch nach dem interessanten Auftakt kaum weglegen kann. Es ist keine plump-angstvolle Spannung, die aufgebaut wird, sondern eher das Schüren der Neugier durch subtile Verwicklungen und durch die Nähe zur Hauptfigur Helen, in der man sich von Anfang an befindet. Geschickt eingebaute Rückblicke und der Blick durch die Augen von Helen sorgen für ein rundes Bild auf das Geschehen, das genug Verwirrung für die Leselust stiftet, aber nicht so sehr verwirrt, dass man den Überblick verliert. 

    Die Charaktere sind lebensecht und unterschiedlich genug dargestellt, um authentisch und interessant zu wirken. Helen als zurückhaltender jungen Frau, geprägt von freudloser Kindheit und völlig fehlgeschlagener Ehe, wird das weltoffene und überaus glückliche Ehepaar Havilland gegenübergestellt, mit ihrem weitläufigen Haus, dem erlesenen Freundeskreis, den gesellschaftlichen Verbindungen und den glanzvollen Parties. Ava, obwohl an den Rollstuhl gebunden und völlig abhängig von ihrem Ehemann, tritt sehr selbstbewusst, ein wenig glamourös und weltoffen auf. Ihr Ehemann Dwight gleicht einem kleinen Jungen, der jedem Spaß im Leben mit der Freude eines Kindes hinterher jagt und mit seiner ansteckenden Art Helens Sohn Oliver aus der Dumpfheit und Betäubung aufzuwecken vermag. 

    Das Buch ist Charakterstudie, Entwicklung, Gesellschaftskritik und nicht zuletzt eine interessante und sehr lesenswerte Geschichte über Manipulation und Verlust. Feinsinnig, intelligent und eindringlich spinnt die Autorin den Faden für den Leser mit der Geschichte, die sich tatsächlich so zutragen könnte. Am Ende fragt man sich, wie weit man selbst bereit wäre sich aufzugeben oder ob man stark bleiben könnte. Ich gebe eine unbedingte Leseempfehlung für diesen großartigen Roman, der nicht der letzte der Autorin für mich sein wird.

    Joyce Maynard, die bereits mehrere vielbeachtete Romane und Sachbücher veröffentlicht hat, lebt und schreibt in Kalifornien. Internationaler Bestseller wurden ihre in viele Sprachen übersetzten Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit mit dem Schriftsteller J.D. Salinger.


    Joyce Maynard "Die Guten"
    Broschürt, 384 Seiten
    Erschienen bei Harper Collins
    Oktober 2016
    ISBN 9783959670487
    16,00 €