12. September 2017

Ich war erfolgreich, wo er versagt hatte




Gast-Rezension meiner Lesefreundin Jenny Vogler
Link zu ihrer Site bei lovelybooks


„Ich begriff, das Rache niemals auslöschen würde, was geschehen war, mich niemals davon abhalten würde, Sie abgrundtief, mit meinem ganzen Sein zu hassen.“

Inhalt
Als Yuko Moriguchis vierjährige Tochter einem als Unfall getarnten Mord zum Opfer fällt, ermittelt die verzweifelte Mutter selbst, wie es dazu kommen konnte. Schon bald findet sie heraus, dass zwei ihrer Schüler, für das Verbrechen die Schuld tragen, doch da beide noch minderjährig sind, vertraut die ambitionierte Lehrerin diesmal nicht der Polizei und der Gesetzgebung, sondern beschließt, die beiden ihrer gerechten Strafe zuzuführen und sich an ihnen zu rächen. Doch so einfach funktioniert das nicht, denn während derjenige, der ihre kleine Manami wirklich töten wollte, sie nur betäubt hat, war sein Helfer derjenige, der alles vertuschen wollte und sie letztlich im Schwimmbad ertränkte. So setzt sie ein Gerücht in die Welt, dem es an jeder Grundlage fehlt, doch den einen treibt sie damit in den Wahnsinn und den anderen verleitet sie zu weiteren mörderischen Taten …

Meinung
Dieser psychologische Spannungsroman hat mich auf ganzer Linie überzeugt, gerade weil er aus einer sehr ungewöhnlichen Perspektive erzählt wird und viele Protagonisten zu Wort kommen lässt, die nichts weiter tun, als dem Leser ihre Version der Geschichte zu präsentieren. So fühlt man sich wie in einem Spiegelsaal – wohin man auch schaut, immer wieder begegnet man dem Bösen, den verzweifelten Hilferufen geschundener Seelen und den niederträchtigen Beweggründen von Mördern und Wahnsinnigen. Dadurch entsteht ein umfassendes, sehr facettenreiches Porträt eines Verbrechens, welches nicht nur die Sinnlosigkeit mancher Handlung in Frage stellt, sondern konkrete Beispiele liefert, wie eine kleine Gruppe funktioniert, wen sie ausschließt, wen sie bevorzugt und vor allem, was passiert, wenn sie aus dem Gleichgewicht gerät und plötzlich mit Begriffen wie Schuld, Verantwortung und Mittäterschaft konfrontiert wird.
Der Titel „Geständnisse“ wurde sehr passend gewählt und umfasst den kompletten Text, der sich mit allen Beteiligten intensiv auseinandersetzt. Trotz der Tatsache, dass der jeweilige Erzähler immer in der Ich-Form spricht, merkt man deutliche Unterschiede zwischen den Charakteren. Dieses hintergründige Agieren hat mir sehr gut gefallen, denn dadurch gewinnt der psychologische Aspekt des Ganzen an Bedeutung und man bekommt ein gutes Gefühl dafür, aus welchen teils abstrusen Gedanken sich eine mörderische Handlung aufbaut. Aber schlimmer noch, die Autorin setzt den Fokus bewusst auf das Motiv Rache und bald schon hat man das Gefühl, dass ein Geständnis noch aussteht und die endgültige Wahrheit noch viel bedrückender sein wird, als das Intermezzo ohnehin schon ist. 

Fazit

Ich bin begeistert und vergebe für diesen ansprechenden, wenn auch ungewöhnlichen Spannungsroman volle Punktzahl und damit 5 Lesesterne. Kein klassischer Thriller, vielmehr eine psychologische Studie über die Verfehlungen, denen Menschen aus diversen Gründen erliegen können. Auch die angesprochene Thematik der Selbstjustiz hat mich zwar erschreckt, erscheint mir in diesem Zusammenhang aber durchaus verständlich. Dieser Roman wird mir noch lange in Erinnerung bleiben, weil er sich so positiv vom „Einheitsbrei“ abhebt und vollkommen ohne Effekthascherei und abstruse Handlungen auskommt – gerne mehr von solch interessanten Sachverhalten.



Kanae Minato "Geständnisse"
Roman gebunden, 272 Seiten
C. Bertelsmann Verlag März 2017
ISBN 978-3570102909
16,99 €

9. September 2017

Geschichte von Schuld und Sühne




Der französische Autor Pierre Lemaitre erzählt in seinem Roman „Drei Tage und ein Leben“ die Geschichte eines Zwölfjährigen, der in einem kurzen Anfall von Einsamkeit, Wut und Enttäuschung zum Mörder wird und daran sein ganzes Leben schwer zu tragen hat.

Verankert in seiner kindlichen Welt merkt der zwölfjährige Antojne, wie eben diese Welt zu bröckeln beginnt. Er lebt allein mit seiner Mutter, seine Freunde interessieren sich mehr für die neueste PlayStation als für Spiele im Wald oder das von ihm gebaute Baumhaus, und als sein Weggefährte, der Hund des Nachbarn, angefahren wird und der Nachbar ihn vor Antoines Augen einfach erschießt, erlebt er eine starke Welle von Einsamkeit und Enttäuschung. In einem mächtigen Anfall von Wut zerstört Antoine sein Baumhaus und später, als der sechsjährige Sohn des Nachbarn Rémi ihm in den Wald zum Spielen gefolgt war, schlägt er diesen im Affekt, so dass Rémi im Wald stirbt und Antoine mit seinen zwölf Jahren plötzlich ein Mörder ist.
Antoine ist hilflos, voller Schuldgefühle, weiß sich aber keinen anderen Rat als die Leiche zu verstecken. Er verschweigt alles und kommt damit durch, sowohl bei seiner Mutter und seinen Freunden als auch bei der Befragung durch die Gendarmerie, die noch am selben Tag eine Suchaktion nach Rémi startet. Antoine ist gebeutelt, geplagt von Schuldgefühlen, vom Verantwortungsbewusstsein für seine Mutter, er plant seine Flucht und verwirft den Plan wieder, unternimmt einen Selbstmordversuch, der fehlschlägt.
Die Natur hilft dem kleinen gemarterten Jungen. Ein Jahrundertsturm hält den Ort für drei Tage in seiner Zange, und nach dem Unwetter ist die Zerstörung so gewaltig, dass die Suche nach Rémi in den Hintergrund rückt und dann ganz aufgegeben wird. Antoine scheint vor der Verfolgung durch die Gendarmerie gerettet.
Zwölf Jahre später kehrt Antoine in das Dorf zurück. Er studiert inzwischen Medizin, hat eine Freundin, die er liebt und mit der er sein Leben weit weg von Zuhause für humanitäre Projekte verbringen will. Doch ein völlig anderer Fehltritt wird ihm zum Verhängnis, und er muss sich, geplagt von seinen ewigen Schuld- und Angstgefühlen, unfreiwillig Zwängen unterwerfen, um nicht doch noch als Mörder entlarvt zu werden.
Ganz am Ende der Geschichte bewegt sich diese in eine völlig überraschende Richtung, und man erfährt in fast kriminalistischer Manier Zusammenhänge, die so überhaupt nicht vorauszusehen waren, sehr sinnige Erklärung für Wirrheiten liefern, die man beim Lesen schon als gegeben hingenommen hatte.

Mit großem Einfühlungsvermögen und viel erzählerischem Geschick beschreibt der Autor die seelischen Nöte des zwölfjährigen Jungen, der nie zum Mörder werden wollte und mit der Situation völlig allein klarkommen musste. Antoine muss mit der Schuld leben, und  seine Zerrissenheit dabei, seine Angst, seine Sorge um die Mutter und deren Ruf, aber auch seine Machtlosigkeit gegenüber der Situation sind nüchtern und dennoch sehr packend erzählt. Man ist beim Lesen ganz nahe bei Antoine, leidet mit ihm, ist genau wie er ratlos, was die beste Lösung. wäre, ist voller Angst und kann der vorsichtigen Hoffnung genau wie er nicht trauen und glauben. Genau davon lebt der Roman, es ist ein großartiges Profil, das der Autor hier von einem allein gelassenen Jungen zeichnet, der versucht, mit seiner Schuld weiter zu leben.
Ebenso genau und dicht werden die Bewohner des Ortes mit ihren Beziehungen untereinander eingefangen, die Atmosphäre scheint vor dem Sturm zu flirren, so angespannt, gefährlich und düster geballt ist die Stimmung.

Knappe und fast stenografische Beschreibungen des Geschehens selbst wechseln mit eindringlichen und wirren Gedanken und Gefühlen Antoines, man liest voller Aufregung und manchmal mit dem sinnbildlich offenen Mund, wie sich der Zwölfjährige in eine für ihn nicht lösbare Situation manövriert und in ihr rettungslos gefangen und verloren scheint.

Es ist ein wirklich großartiges Buch, das völlig wertungsfrei eine sehr ungewöhnliche spannende und abgründige Geschichte von Schuld und Sühne erzählt, ich gebe eine unbedingte Leseempfehlung.


Pierre Lemaitre "Drei Tage und ein Leben"
Roman, gebunden 270 Seiten
aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Verlag Klett-Cotta
ISBN 978-3608981063
20 €


1. September 2017

Heimat und Identität




Der Roman „Heimkehren“ spannt mutig und beeindruckend einen weiten Bogen vom Sklavenhandel an der Goldküste im heutigen Ghana über acht Generationen verschleppter afrikanischer Ureinwohner bis in die Gegenwart. Wochenlang stand das Debüt der Autorin Yaa Ghasi auf den Bestsellerlisten der USA, wurde mehrfach preisgekrönt und in 20 Sprachen übersetzt.

Die Familiengeschichte nimmt ihren Anfang mit den Halbschwestern Effia und Esi, beide leben im 18. Jahrhundert und wissen nichts voneinander. Effia, eine schöne Frau vom Stamm der Fante, heiratet einen britischen Offizier, der vom Sklavenhandel in Cape Coast lebt. Ihre Halbschwester Esi gehört zum kriegerischen und starken Stamm der Asante weiter im Landesinneren, wird im Auftrag der Britischen Kolonialmacht geraubt und aus ihrem Dorf verschleppt und als Sklavin im Cape Coast Castle bis zu ihrem Abtransport in die USA gefangen gehalten. Effias Familienzweig ist über mehrere Generationen mit dem Sklavenhandel verbandelt, ihre Nachkommen profitieren davon oder sind Opfer. Esis Kinder und Kindeskinder müssen in den USA um ihr Leben kämpfen, als Sklaven auf unmenschlich geführten Plantagen in den Südstaaten, in den Kohleminen in Alabama als Zwangsarbeiter, zu Beginn des 20. Jahrhunderts im unterdrückten und abgeschotteten schwarzen Stadtteil Harlem in New York als völlig unterbezahlte Arbeitskräfte.
Erst die letzte Generation in der Jetztzeit bekommt die Chance auf einen Platz gleichberechtigt in der Gesellschaft und wird damit nicht wie ihre Vorfahren als minderwertige, gejagte und geprügelte Menschen behandelt.

Yaa Ghasi erzählt die Geschichte kraftvoll und bewegend. Einerseits packendes Familienepos, das die Seiten nur so fliegen lässt, und andererseits ein eindringliches und aufrüttelndes Portrait zur Sklaverei mit all ihren Abscheulichkeiten und Folgen ist dieses Buch ein überaus wichtiges Stück Literatur. Faszinierende Recherchearbeit der Autorin zu Ghana, zur Kolonialmacht der Briten und zur Sklaverei in den USA sorgen für große Authentizität, auch wenn alles in einen spannenden Familienroman verpackt ist. Es ist ein sehr wirkungsvolles Mittel, um die Traditionen der Stämme an der Goldküste, die Anschürung und Förderung kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen den als Sklaven sehr begehrten Asante und anderen Stämmen durch die Briten zum Zweck des Menschenraubes und die Schrecken der Sklaverei, der Zwangsarbeit und der schwarzen Ghettos einem breiten Publikum eindringlich näher zu bringen.

Die Geschichte springt kapitelweise von Generation zu Generation, abwechselnd in Afrika und in den USA, man findet einen zeitlichen Anker bei der Erwähnung von geschichtlichen Ereignissen oder beim Alter der jeweiligen Protagonisten. Man begleitet den jeweiligen Charakter beim Lesen eine kurze Zeit und kann durch eingebaute Rückblicke oder mit Hilfe anderer Generationen das Bild vervollständigen. Jeder der Familienmitglieder im Roman ist von seinem Umfeld und seinen jeweiligen Vorfahren beeinflusst und hat eine individuelle Geschichte, ohne dass hier Schwarz/Weiß-Malerei betrieben wird. Die Autorin macht lobenswerterweise nicht pauschal Opfer aus den afrikanischen Sklaven und Mörder aus den Weißen, auch wenn ganz klar gemacht wird, wer die größere Schuld hat. Sie zeigt die Fehler beider Seiten, und genau das macht ihr Buch glaubhaft.

Das Thema Sklaverei ist auch heute leider nicht nicht vom Tisch, und damit ist der Roman wichtig und hochaktuell. In Anlehnung an die im Buch beschriebene Zwangsarbeit von Inhaftierten in den Kohleminen von Alabama sehen sich Menschen auch heute noch Zwängen ausgesetzt, werden bei minderwertigen und krank machenden Arbeiten verheizt, im Auftrag der Billigproduktion auf der anderen Seite des Erdballs. Menschen werden nach wie vor in wichtig und minderwertig eingeteilt, auch in unseren doch so aufgeklärten Köpfen. Der Roman „Heimkehren“ kämpft dagegen an, mit Bildern des Schreckens der Sklaverei und Unterdrückung und des langen Kampfes für Gleichberechtigung aller. 
Ich gebe eine uneingeschränkte Leseempfehlung für dieses aufwühlende, gut recherchierte und wichtige Buch.


Die Autorin Yaa Gyasi wurde 1989 in Ghana geboren, und kam 1991 in die USA. Der Roman »Heimkehren«, im Alter von 26 Jahren geschrieben, verdankt sein Erscheinen ihrer Recherchearbeit nach einem Besuch der Sklavenfestung Cape Coast Castle an der Goldküste von Ghana. Die Autorin lebt heute in Kalifornien.


Yaa Gyasi "Heimkehren"
Roman gebunden, 416 Seiten
DuMont Buchverlag 22.August 2017
ISBN 978-3832198381
22 €

27. August 2017

Schein und Sein




Was bringt ein Kindermädchen dazu, die ihr anvertrauten Kleinkinder einer jungen Pariser Familie zu ermorden und sich danach selbst zu richten? Dieser Frage folgt der Leser des spannenden Psychodramas „Dann schlaf auch du“ von Leïla Slimani, das völlig zu Recht im vergangenen Jahr mit dem Prix Concourt ausgezeichnet wurde.

Das junge Pariser Ehepaar Myriam und Paul Massé ist glücklich, als es die perfekte Kinderfrau, eine „Nounou“, für ihre beiden kleinen Kinder Mila und Adam einstellt. Myriam, die Anwältin, war nach der Geburt des zweiten Kindes unzufrieden mit ihrem Leben am Herd und kann wieder arbeiten, Paul muss bei nächtlichen Aufnahmen im Tonstudio keine Rücksicht auf die Familie nehmen. Alles wirkt perfekt, zumal Louise, die Nanny, wie eine Fee zusätzlich für penible Ordnung in der Wohnung und für lobenswert gutes Essen sorgt.

„Sie hat die stille Wohnung ganz in ihrer Gewalt, wie einen Feind, der um Gnade bittet.“

Louise hält alle Fäden in der Hand, macht sich unentbehrlich bei Eltern und Kindern, versucht um jeden Preis zu gefallen. Ahnungslos vertrauen Paul und Myriam ihr, nehmen sie im Sommer mit in den Urlaub, unterwerfen sich ihrem Regime ohne Rebellion, auch wenn ihre Erziehungsmethoden angestaubt und ihre prinzipielle Einstellung zu den Dingen pingelig ist und nicht der gewohnten Lebensweise des Paares entspricht. 
Niemandem fällt auf, dass Louise am Abgrund steht und mit ihrem oft zwanghaften Verhalten psychopathische Züge aufweist.

„Sie beobachtet die Kinder, wie man einen frisch geangelten Fisch mit blutigen Kiemen betrachtet, dessen Körper im Todeskampf zuckt.“

Getrieben vom Wunsch, zur Familie zu gehören, nicht wieder in ihre Einsamkeit zurückkehren zu müssen, wenn die beiden ihr anvertrauten Kinder zu groß für eine Nounou sind und in den Kindergarten kommen, tut Louise alles dafür, um ihren Platz in der Familie zu bewahren. Doch ihre Fassade bröckelt, ein paar Fäden lösen sich aus dem von ihr gesponnenen Netz und Löcher werden sichtbar, die auch Myriam und Paul nicht mehr übersehen können. Dennoch trennt sich das Paar nicht von der Nanny, zu wichtig ist sie dafür geworden, dass beide ihre Karriere verfolgen und das Leben uneingeschränkt leben können.

„Ihr Herz ist hart geworden. Die Jahre haben es mit einer dicken, kalten Kruste überzogen und sie hört es kaum noch schlagen.“

Die verletzliche und sensible Louise spürt, dass sie immer mehr ausgeschlossen wird, und so entwickelt sich das alltägliche Zusammenleben der Familie in der Pariser Wohnung im 10. Arrondissement zur Tragödie, mit der das Buch seinen Anfang nahm und sein Ende findet.

„Louise … erinnert an diese scheinheiligen Mütter, die im Märchen ihre Kinder im finsteren Wald aussetzen.“

Die Schriftstellerin schafft eine ganz besondere Atmosphäre, in der man sich beim Lesen bewegt. Wie heiße und kalte Güsse wirken ihre knappen, reportagenhaften, unterkühlten Sätze, die unterschwellig die Gefahr in der schönen sauberen heilen Welt spüren lassen. Kleinigkeiten sind es, die sowohl das Paar Myriam und Paul als auch den Leser zögern und zweifeln lassen, dass hier nicht wirklich alles in Ordnung ist. Unmittelbar nach einem Riss im perfekten Bild schließt dieser sich wieder und man fragt sich, was eigentlich gewesen ist. Dadurch entsteht eine sehr diffizile Spannung, die nicht richtig greifbar ist, aber dennoch treibend genug, um einfach weiterlesen zu müssen.
Der Ausgang der Geschichte ist vom ersten Satz an klar. Die Frage des Buches dreht sich um das Warum, und das ist sehr gekonnt und meisterhaft umgesetzt.

„Sie hat nur einen Wunsch: Teil ihres Lebens zu sein, ihren Platz zu finden, sich dort einzunisten, eine Nische zu graben, einen Bau, ein warmes Eckchen.“

Myriam steht stellvertretend für junge Frauen, die versuchen Kinder und Beruf unter einen Hut zu bekommen, ohne dabei auf Unterstützung ihres Mannes zählen zu können. Kinder aufwachsen zu sehen ist großartig, aber ebenso unbefriedigend auf Dauer, wenn eine Frau intellektuelle Ansprüche an sich selbst hat. Bei der Auswahl des Kindermädchens blitzt außerdem Alltagsrassismus durch, obwohl Myriam selbst Maghreberin und Paul weltoffen erzogen ist. Die Wahl fällt auf die knapp 50jährige Französin Louise, und wenn auch mit schlechtem Gewissen hatte das Paar junge Frauen mit Schleier oder Kindern oder solche ohne Papiere ausgeschlossen.
Doch von der Autorin wird dazu an keiner Stelle gewertet oder verurteilt.


Die Autorin Leïla Slimani wurde 1981 in Rabat geboren und wuchs in Marokko auf. Sie ging 1999 nach Frankreich, studierte Medien und Politik in Paris und arbeitet seit 2008 als Journalistin. „Dann schlaf auch du“ ist ihr zweiter Roman, ihr ebenfalls preisgekröntes literarisches Debüt wird derzeit verfilmt.


Dann schlaf auch Du
Leïla Slimani
Roman, gebunden, 224 Seiten
Luchterhand Literaturverlag
21. August 2017
ISBN 978-3630875545
20 €

24. August 2017

Fantastisch und ganz und gar wahr




Wahrheit oder Fantasie? Der Autor José Eduardo Agualusa vermischt in seinem Roman „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ fantastische Elemente mit einer auf historischen Fakten basierenden Geschichte und schreibt ein wundervolles Buch ganz in der Tradition des magischen Realismus. Überwältigend erzählt der 1960 in Angola geborene Autor über die bizarren Verwicklungen des Bürgerkrieges und über den Blick von oben auf das Geschehen verbunden mit einem außergewöhnlichen Kampf ums Überleben.

"Man kann Fehler nicht wiedergutmachen. Vielleicht muss man sie einfach vergessen. Wir sollten das Vergessen üben."

Die aus Portugal stammende Ludovica lebt mit ihrer Schwester und ihrem Schwager im „Haus der Beneideten“, einem Appartement-Hochhaus in der Angolanischen Hauptstadt Luanda, bewohnt von Portugiesen. Mit der Nelkenrevolution 1974 ändert sich alles, die alte Kolonialmacht Portugal zieht sich aus Angola zurück und das Haus der Beneideten leert sich, und im November 1975 wird das Land unabhängig. Einen Tag vor dieser Revolution erschießt Ludovica einen Einbrecher in Notwehr und mauert sich allein in ihrer Wohnung ein, nachdem ihre Schwester und ihr Schwager kurz zuvor verschwunden waren. Seine Überreste begräbt sie auf der Dachterrasse ihrer Wohnung, die für die nächsten dreißig Jahre ihr freiwilliges Gefängnis ist. Sie schaut von oben dem Revolutionsgeschehen und dem Bürgerkrieg zu, ernährt sich von selbst angebautem Gemüse und Tauben, sammelt Regenwasser als Trinkwasser und verbrennt nach und nach alle Möbel und Parkettböden zum Kochen und Heizen. 

„Es erscheint mir leichter, an Gott zu glauben, selbst wenn dies unsere begrenzte Wahrnehmungsfähigkeit übersteigt, als an die überhebliche Menschheit.“

Ludovicas Außenkontakt ist der Blick aus dem Fenster und das Radio, in der Wohnung schreibt sie in Tagebücher, und als ihr das Papier ausgeht, auf die Wände der weitläufigen Räume. Die aus ihren sozialen Zusammenhängen gefallene Ludovica hat ihren Hund Fantasma und den Affen Che Guevara als Begleiter. 
Wasser und Strom kommen nach einer gewissen Zeit unregelmäßig, fallen aber schließlich endgültig aus. Ludovica vermisst lediglich das Radio.
Ludovica war nicht freiwillig nach Angola gekommen. Ihre Schwester Odete nahm sie mit, nachdem sie den Ingenieur Orlando, der in den Diamantminen von Angola beschäftigt und angolanisch-portugiesischer Abstammung ist, geheiratet hatte. Ludovica hatte schon in ihrer Heimat Portugal wenig Kontakt zur Außenwelt und war bei ihrer Schwester untergeschlüpft. 

„Der Himmel Afrikas ist viel größer als unserer, erklärte sie ihrer Schwester: erdrückend.“

Das oberste Stockwerk des Apartement-Hauses befindet sich direkt unter dem gewaltigen Himmel Angolas. Wundervolle Bilder findet der Autor dafür, die vom Übersetzer weitergetragen werden. Der große und weite Himmel macht Ludovica jedoch oft Angst und zwingt sie in die Wohnung.

"Wenn wir im Schlaf davon träumen, zu schlafen, können wir dann, wenn wir wach sind, aufwachen in einer helleren Wirklichkeit?"

Anfangs hat man den Eindruck, dass Ludovica ihre Einsamkeit genießt, stoisch und regungslos die Veränderungen, bedingt durch die Revolution, von oben beobachtet und wertungsfrei in ihrer Wohnung den Kampf um das körperliche Überleben kämpft. Später macht sich die Einsamkeit bemerkbar, Ludovica ringt um ihren Verstand, sie fühlt sich wie Spinne und Fliege gleichzeitig. Sie teilt im Schlaf ihre Träume, und wenn Sie aufwacht, ist sie allein.

"Ins Paradies kommen Leute, die von anderen vermisst werden. Das Paradies ist unser Platz im Herzen der anderen."

Das Buch hangelt sich an Ludovicos Eingesperrtsein entlang, ist jedoch keinesfalls ausschließlich ihre Geschichte. Das Hochhaus, in dessen oberstem Stockwerk Ludovico dreißig Jahre lebt, ist vielmehr eine Schnittstelle vieler Einzelschicksale und Geschichten, die sich um den Bürgerkrieg nach der Unabhängigkeit Angolas drehen. Verfolgte und Verfolger gegen sich die Klinken in die Hand genauso wie gewöhnliche Verbrecher, Menschenrechtler und Landflüchtlinge, die in die Stadt kommen, um ihr Glück zu machen. Aus auf den ersten Blick ohne Zusammenhang erzählten Episoden und Geschichten kristallisiert sich im Verlauf des Buches ein fein gewobenes Netz heraus, das alle losen Enden auf großartige Weise verknüpft. Nichts bleibt offen, und man ist als Leser erstaunt und ehrfürchtig wegen dieser großartigen Erzählkunst. Insofern hat das Buch in keiner Weise meine Erwartungen erfüllt und ich bin sehr glücklich damit, denn ich hatte vordergründig Ludovicas Geschichte erwartet, und nicht diese bewegend, kunstvoll und teilweise sehr verrückt verwobenen Einzelgeschichten.

"Stühle machen ein Gespräch nicht besser, nicht einmal, wenn sie bequem sind."

Am Ende der Geschichte stehen alle Beteiligten erneut vor der Mauer zu Ludovicas Wohnung, detektivisch löst sich auch der letzte noch bestehende Knoten, unerwartet und gleichzeitig wunderbar, fantastisch und mit großer Freude am Fabulieren. Der Autor hat mit seinem Roman, der vor klugen Sätzen genauso strotzt wie vor Wortwitz, ein Stück Literatur geschaffen, das die Lust am Erzählen selbst feiert, bei dem Tragik mit einem lachenden Auge und Komik mit einer Träne im Knopfloch betrachtet wird, und das mit einer fast unvergleichlichen Leichtigkeit.
Und auch wenn sich bei ganz genauem Hinsehen an einigen Stellen zeigt, dass die Übersetzung besser sein könnte, handelt es sich bei diesem Roman um ein sehr lesenswertes Buch, das man in diesem Jahr nicht verpassen sollte und für das ich eine volle Leseempfehlung geben möchte. Ich jedenfalls bin glücklich, dass ich es gelesen habe und dass es genauso ist wie es ist.

Der Roman „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ stand 2016 auf der Shortlist des International Man Booker Prize und erhielt 2017 den International Dublin Literary Award, völlig zu recht, wie ich finde.


José Eduardo Agualusa: Eine allgemeine Theorie des Vergessens. Roman. Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler. C.H. Beck, München 2017. 189 S., 19,95€

22. August 2017

Pflichtlektüre




Die schwarze Sklavin Cora, gequält und gepeinigt auf einer Baumwollplantage in Georgia, nutzt die Chance zur Flucht aus dem Wahnsinn und der Gewalt, die ihren Alltag auf der Plantage beherrschen. Sie hatte seit ihrem 11.Lebensjahr, in dem ihre Mutter Mabel von der Plantage erfolgreich geflohen und sie zurückgelassen hatte, in der „Hob“, einer Hütte der Wahnsinnigen, Geächteten, Kranken und Ausgestoßenen unter den Sklaven gelebt und war zur Eigenbrötlerin geworden, begleitet von Stärke, Mut und Widerspruchsgeist, den sie allerdings sehr gut zu verstecken weiß. Hilfe bekommt Cora auf ihrer Flucht vom „Underground Railroad“, bestehend aus Fluchtstationen und einem Unterirdischem Schienenetzwerk, das die Flüchtigen zu nicht immer vorher bestimmbaren Orten bringt und sie dort in die Realität ausspuckt. Von einer Station in Georgia gelangt sie nach South Carolina, wo sie von einer gewaltigen Flüchtlingsindustrie „verarbeitet“ wird mit Wohnheimen, Arbeitsvermittlung, zwielichtigen medizinischen Untersuchungen. Erkannt und gejagt vom Sklavenjäger Ridgeway muss Cora weiter und landet in einer Station in North Carolina bei der Familie Wells, die schon seit zwei Generationen gegen die Sklaverei kämpft, sie aber wegen der Gefahr der Verhaftung monatelang auf dem Spitzboden ihres Hauses verstecken muss. 
Hin und hergerissen vom Wunsch nach Freiheit, von der Angst, entdeckt zu werden muss sich Cora den jeweiligen Gefahren stellen, von denen sie sich an jeder neuen Station der Underground Railroad überrascht wird.

Die Underground Railroad war vom Ende des 18.Jahrhunderts bis Mitte des 19.Jahrhunderts ein Fluchtnetzwerk, geschaffen von den Abolitionisten, für entlaufene Sklaven von den Sklavenstaaten im Süden der USA in den Norden. Es bestand aus geheimen Routen und sicheren Häusern, vielen helfenden Händen, die dabei ihr Leben riskierten. Es ist ein heller Lichtpunkt im sehr dunklen Kapitel der USA zur Sklaverei. Benutzt wurden als Code Eisenbahnbegriffe wie Station, Schaffner, Gepäck, Passagiere…
Colin Whitehead benutzt den Begriff Underground Railroad im Roman im wörtlichen Sinn. Es handelt sich tatsächlich um einen unterirdische Eisenbahnlinie mit verschiedenen Bahnstationen und Stationsvorstehern, zwischen denen Züge nach geheimen Absprachen verkehren.

Der Roman lebt von der Protagonistin Cora, die mit ihrer Kraft und ihrem Lebensmut die Geschichte vorantreibt. Als Kind von ihrer Mutter allein gelassen setzt sie sich schon damals gegen Neid und Missgunst anderer Sklaven der Farm durch und verteidigt ihr winziges Stück Land, auf dem sie Gemüse anbaut. Verächtlich und gleichzeitig angstvoll gehen viele der anderen Sklaven mit ihr um. Sie ist eine Einzelgängerin und Träumerin, wissbegierig und lernfähig. Auf der Flucht in den verschiedenen Situationen findet sie sich schnell zurecht, nimmt sie mit, was sie kriegen kann und ist nur selten vom Glück begünstigt, sondern muss sich entlang ihres Weges hart voran kämpfen.

Schnörkellos, knapp, eindringlich und treibend erzählt der Roman von der Flucht Coras, vom Grauen der Sklaverei in den USA, von der Gefahr, der sich Fluchthelfer ausgesetzt sahen. Dass die Befreiung der Sklaven in den Nordstaaten auch nicht wahre Selbstbestimmung der schwarzen Bevölkerung bedeuteten wird ebenso thematisiert wie die Greueltaten, die von Weißen Teufeln im Süden an ihrem beweglichen Eigentum verübt wurden. Und realistisch zeigt Whitehead, dass es auch unter den Sklaven selbst eine grausame Hackordnung gegeben hat.
Entwürdigungen, unvorstellbare unmenschliche Erniedrigungen und Gewalttaten finden an manchen Stellen so intensiv sprachlich Ausdruck, dass man sich nicht abschotten kann, was ich für sehr gelungen und sehr wichtig halte; der Roman versucht eben nicht, eine extrem schmutzige Geschichte sauber zu schreiben.


Hochaktuell, fesselnd und bereits mehrfach ausgezeichnet (National Book Award 2016, Pulitzer Preis 2017, Longlist Man Booker Prize 2017) ist der Roman in meinen Augen ein sehr wichtiges Buch zu einem Stück Geschichte, das gerne unter den Tisch gekehrt wird oder, schlimmer noch, als Vorlage für romantische Geschichten dient. Ich halte es für ein absolutes Muss an Lektüre in diesem Jahr


Underground Railroad
Colson Whitehead
Übersetzt von Nikolas Stingl
Roman gebunden, 352 Seiten
Carl Hanser Verlag GmbH
Erstveröffentlichung 21.August 2017
ISBN 978-3446256552
24,00 €

25. Juli 2017

Britisch, etwas schrullig und wortgewandt






Unterhaltsam, etwas schrullig und betulich, also „very British“ präsentiert sich der Roman „Eine von uns“ der britischen Autorin Harriet Cummings. Das Buch zeigt treff- und stilsicher die Zerbrechlichkeit einer Gemeinschaft, und dies mit der Dynamik der Furcht und Unsicherheit vor Unbekanntem.
Die Geschichte nimmt Bezug auf reale Ereignisse im Sommer 1984, als in Dörfern in den Chiltern Hills (GB) ein Einbrecher namens Fox umging, der zwar nichts gestohlen, aber Unordnung in der Häusern verursacht hat.

Delores ist jung, hübscher als Madonna und auf der Suche nach harmloser Ablenkung von ihrer frustrierenden Ehe in einem kleinen englischen Dorf in den 1980er Jahren. Sie verliert ihre neue Freundin Anna, eine unscheinbare junge Frau, die einfach so verschwindet. Die Dorfbewohner vermuten, dass der geheimnisvolle Einbrecher Fox verantwortlich ist, der nichts stiehlt sondern die Ordnung in Häusern, insbesondere in den Schlafzimmern ihrer Bewohner, ein wenig durcheinander bringt. Die Angst greift um sich, Vermutungen zur Identität von Fox führen zu gegenseitigen Anschuldigungen und schließlich zur Bewaffnung…

Die Autorin Harriet Cummings zeichnet in ihrem Debütroman ein treffendes und abgründiges Bild einer englischen Dorfgemeinschaft abseits der Hauptstraße. Einiger der Bewohner führen über lange Zeit ein Schattendasein, man würde ihr Verschwinden wahrscheinlich nicht einmal bemerken. Neulinge und Zugezogene finden nur schwer oder gar nicht ihren Platz, es gibt keine Willkommenskultur, sie sind Fremde und werden so behandelt. 
Als sich die Unsicherheit und Hysterie unter den Bewohnern breit macht, bröckelt auch der einstmals gute, auf genaueren Blick aber sehr fragile Zusammenhalt unter den Menschen haltlos. Die augenscheinliche Idylle fällt und raffiniert spielt die Autorin mit gegenseitigem Misstrauen und der zunehmenden Aggressivität.

Unterstützt wird die Spannung durch die gut angelegte Charaktere. Neben Deloris, die zunehmend frustriert erscheint, gibt es ihre neue Freundin Anna, die jahrelang ein Schattendasein in der Krankheit ihrer Mutter führte und auch nach deren Tod kaum wahrgenommen wird, Brian der Dorfpolizist ist offen und sympathisch dargestellt, er kümmert sich um seinen kranken Bruder, oder der neue Vikar Jim, der mit seiner dunklen Vergangenheit zu kämpfen hat und wie Delores ein Fremder und Neuling im Dorf ist.


Im Klappentext wird Hochspannug á la Hitchcock versprochen. Das sollte man von diesem Buch nicht erwarten. Wenn auch spannend erzählt dreht sich die Geschichte mehr um schrulliges und abgründiges Verhalten, um soziale Bindungen und um den Platz des Einzelnen in einer festgefahrenen Gemeinschaft. Es ist ein tiefgreifendes und für mich hochinteressantes Portrait einer abgeschotteten Dorfgemeinschaft in der Krise, das die Autorin zeichnet, sie hat den Finger auf der Wunde und betrachtet das Ganze dennoch mit angenehmen Witz, ohne dabei zynisch zu werden.




Harriet Cummings "Eine von uns"
Roman gebunden, 368 Seiten
Deuticke Verlag
Juli 2017
ISBN 978-3552063358
20,00 €

Ende und Anfang






Klimatisches Chaos, Anstieg des Meeresspiegels und Überflutung einer Großstadt direkt vor der eigenen Haustüre ist die Ausgangssituation diese Buches, das die beängstigende Flucht vor der Klimakatastrophe thematisiert. Ungewöhnlich beschrieben bildet die Katastrophe selbst nur das Hintergrundrauschen des Weges einer namenlosen jungen Frau mit ihrem Neugeborenen Z und ihrem Ehemann R weg vom steigenden Meeresspiegel, aber auch weg von der gewohnten Umgebung, vom Zuhause, von der Zivilisation.

Anfang und Ende - Katastrophe und Geburt - Apokalypse und Neubeginn, damit spielt die Autorin Megan Hunter in ihrem Debütroman. London steht unter Wasser, und eine junge Frau entbindet im Krankenhaus ein Baby wie auf einer Arche, benannt ausrerechten nach dem letzten Buchstaben des Alphabets -Z. 
Die gewohnten Fixpunkte der westlichen Zivilisation schwimmen anfangs langsam und dann immer schneller mit den Fluten davon, als die kleine Familie zunächst aufs Land zu den Schwiegereltern flieht und dann weiter in Flüchtlingslager und in die Berge zieht.
Die Geschichte zerfasert immer mehr, mit dem Fortschreiten der Flucht brechen Informationsstrukturen wie das Handynetz, die Infrastruktur und der Familienzusammenhalt auseinander. Als Leser sieht man wie die Protagonistin die kläglichen einstmals wichtigen Reste des menschlichen Zusammenlebens nur noch in grauen Fetzen vorüberstreifen.
Es gibt allerdings auch kleine Enklaven des Friedens inmitten des nicht erfassbaren Chaos, wenn sich Gruppen alleinstehender Mütter in Lagern zusammentun und sich gegenseitig helfen erinnert das sehr an positive ursprüngliche menschliche Instinkte und gibt Hoffnung inmitten all der Trostlosigkeit dieses dystopischen Romanes.

Wie in Stein gemeißelte Sätze, die mich an biblische Texte und an ein Poem zugleich erinnern, abgehackte Gedankensplitter und Blitzlichter vermitteln dem Leser ein Gefühl, das die junge Frau auf ihrer Flucht haben muss: nämlich Abschottung, Informationsmangel, Ratlosigkeit und Ziellosigkeit. Man weiß ebensowenig wie sie, was eigentlich genau passiert ist, man spürt die Auswirkungen der Katastrophe und lebt wie sie auch im Augenblick, ohne Rückblick oder Weitsicht nach vorn. Nichts ist vorgekaut oder für den Leser zurechtgelegt. 
Das ist einerseits genial, da es das Gefühl der Hilflosigkeit und Bedeutungslosigkeit des Einzelnen auf grandiose Weise vermittelt, andererseits jedoch fordernd und anstrengend beim Lesen. Man muss sich darauf einlassen wollen, und wer das nicht schafft, wird wohl keinerlei Gefallen an dem Buch finden, denn es liefert keine Erklärungen sondern nur Momentblicke.
Zusätzlich wird durch Namenlosigkeit bzw. durch Verwendung von Anfangsbuchstaben bewusst Distanz zu den Personen aufgebaut, zum Beispiel sucht der Ehemann R panisch die Einsamkeit abseits von Flüchtlingslagern, und man spürt als Leser sehr deutlich, dass er sich auch als Charakter völlig zurückzieht und nicht greifbar ist, wie übrigens in meinen Augen alle Charaktere des Buches.

Ich war und bin hinsichtlich der Beurteilung des Buches zwiegespalten. Einerseits genial, innovativ, modern und sehr zeitgemäß, andererseits schwierig zu lesen, auch wenn man der Geschichte selbst sehr gut folgen kann, von hingeworfenen Brocken geprägt, wie die oft stichpunktartigen Tagebuchaufzeichnungen einer Person, zu der man keinen Bezug herstellen kann.
Ich habe das Buch eher analytisch und weniger mit der loslassenden Freude an einer guten Geschichte gelesen und konnte von meinem bequemen Lesesessel aus andererseits deutlich spüren, wie grauenvoll, einsam und trostlos eine erzwungene Flucht aus dem gewohnten Umfeld ist.
Vielleicht liegt genau darin der Reiz der Lektüre? Dass man keine vorgegebenen Wege gehen kann, sondern wie die flüchtende junge Frau gebeutelt und hin und hergerissen ist? Dass man mehr erfühlt als durch Worte erfährt? 

Eine pauschale Leseempfehlung kann ich nicht geben, doch es ist eine höchst interessante Leseerfahrung, und wer moderne, dystopische und nicht unbedingt detailverliebt erzählte Geschichten mag, sollte sich auf das Buch einlassen.




Megan Hunter "Vom Ende an"
Roman gebunden, 160 Seiten
Verlag C.H. Beck
Erstauflage Mai 2017
ISBN 978-3-3406705076
16,00 € 

20. Juni 2017

Mystische Familiengeschichte




Eine Familiengeschichte, die auf einer Insel an der Grenze zwischen USA und Kanada spielt, verbunden mit dem Mystizismus des Meeres und der Liebe zum Ozean - es hätte ein wirklich großartiges Buch sein können. Doch die Lektüre macht es mir ein wenig schwer, mit der Geschichte wirklich warm zu werden. Ich will das Buch so gerne sehr lieben, weil es großartige und innige Passagen zur Verwurzelung der Familie Kings mit der Insel Loosewood Island und dem Ozean, mit der Tradition und Kunst des ersten der Kings, dem Hummerfischer und Maler Brumfitt, zum Segen und Fluch des Ozeans enthält, die mir wirklich nahe gehen und dicht und nachvollziehbar erzählt sind, und weil es eine aufregende Familiengeschichte erzählt. 
Wären da nicht die hineingepflanzte zusätzliche Spannung zum Kampf um die Fanggebiete der Insel mit Fischern der Küstenstadt James Harbor und der Drogenhandel, die das Leben auf der Insel bedrohen und die auf mich oft wie ein Fremdkörper beim Lesen wirken, fast unpassend, insbesondere bezüglich der Hauptfigur Cordelia Kings. 
Natürlich soll die Geschichte damit mehr Schwung und Spannung bekommen, allerdings ist es leider einfach zu viel gewollt und für mich unglaubwürdig. Die Schönheit und die Rauheit des Lebens auf dem Meer, die Ursprünglichkeit der Insel und die Verbundenheit zum Ozean, die man beim Lesen deutlich spüren kann, geht dadurch ein wenig verloren, zugunsten einer für mich wirklich fragwürdigen Krimihandlung.

Dennoch ist es ein Buch, das ich zum Lesen empfehlen möchte, auch wenn die Geschichte Störungen und Versatz aufweist. Es ist ein in vielen Passagen ruhiges und schönes Buch, das die Wurzeln der Familie Kings über 300 Jahre Familiengeschichte und den Hummerfang aufrollt. Der Hummerfang und die Insel, auf der die Kings nicht nur dem Namen nach die heimlichen Könige sind, bilden die Basis für das Leben der Familie. Beginnend mit Brumfitt Kings, der vor mehr als 300 Jahren auf die Insel kam und nach der Sage über das Meer laufen konnte, weil es hier so viele Hummer gab, fuhr immer ein Kings einer Generation auf den Ozean hinaus, war für das Meer geboren und mit der See verwoben.
Brumfitt Kings war auch ein Maler stimmungsvoller und mystischer Bilder vom Ozean und von der Insel, bekam seine Frau vom Ozean in Form eines Wandelwesens geschenkt und prägt mit seinen hinterlassenen Tagebüchern und mittlerweile berühmten Bildern die Gedankenwelt von Cordelia Kings, die sich auf der Insel als Hummerfischerin behaupten will.

Das Buch erzählt Cordelias Geschichte, die ihrer Schwestern und ihres Vaters Woodbury Kings, mit Rückblicken in ihre Kindheit und in die Vergangenheit der Familie Kings. Ihr Kampf, sich in der Männerwelt der Hummerfischer zu etablieren, das Ringen um die Liebe ihres Vaters, ihre Verbundenheit zu den Gemälden von Brumfitt und zu seinen Geschichten und ihre Interpretation der Gemälde bezüglich der Familiengeschichte machen das Buch zu etwas besonderem. Die Figur Cordelias und ihres Vaters wirkt in diesen Passagen lebensnah, echt, dreidimensional und trotz oder vielleicht gerade wegen der angedeuteten mystischen Verbindung zum Ozean auf mich sehr glaubwürdig und interessant. Die Charaktere stehen im Vordergrund, und Ereignisse, die die Familie prägen, werden dem Leser fast nebenbei hingeworfen, was mir sehr gut gefällt.
Im wirklich krassen Gegensatz dazu steht Cordelias Kampf mit den Fischern aus James Harbor. Minuziös und durch den thrillerhaften Fokus des Neugierigen werden blutige Details dargeboten, zwar spannend, aber in der Erzählweise und im Stil störend für den Rest der Geschichte.
Nicht nur dadurch, auch durch ihr Handeln in diesen Situationen selbst, das für mich aufgesetzt und unecht wirkt, verliert das Buch an Schönheit. Es wirkt auf mich fast so, als sollte die Spannung im Nachhinein durch ein paar Szenen aufgebessert werden, was ich wirklich sehr schade finde.




Die Hummerkönige
Alexi Zentner
Roman, Taschenbuch, 416 Seiten
erschienen im btb Verlag
Mai 2017 (deutsche Erstausgabe)
ISBN 978-3-442-71544-2
10,00 €

27. Mai 2017

Großartig und wichtig





"...denn um in der Natur und mit der Natur zu leben, müssen wir uns von der eigenen Natur entfernen."

Ein düsteres Zukunfts-Szenario einer Welt ohne Bienen ist der Beginn des preisgekrönten Buches "Die Geschichte der Bienen" der Norwegischen Autorin Maja Lunde. Mit großer Erzählkraft entfaltet sich dieses Debüt vor dem Leser, das ein anspruchsvoller und spannender Familienroman gespickt mit interessanten Sachdetails und zugleich Historienbuch und ebenso Dystopie ist.

"Die Kinder ernten die Zahlen und einige Schriftzeichen, davon abgesehen war die Schule aber nur eine Form der kontrollierten Verwahrung. Der Verwahrung und der Vorbereitung auf das Leben draußen."

Das Buch spielt in drei Zeitebenen, deren Verbindung die Bienen sind. Es setzt ein in einer Zukunft ohne Bienen mit Tao, der jungen chinesischen Arbeiterin, den Aufgabe zusammen mit tausenden anderen das Bestäuben von Obstbäumen ist und die sich für ihren kleine Sohn Wei-Wen eine bessere Zukunft erträumt. Doch plötzlich verschwindet der Junge auf unerklärliche Weise und Tao begibt sich auf die Suche nach ihm.
Im England des Jahres 1852 begleitet der Leser den gescheiterten und depressiven Biologen William. Als achtfacher Vater hatte er große Hoffnungen in seinen gescheiterten Sohn gesetzt und seine klügste Tochter Charlotte nicht beachtet. Als er mit der Erforschung der Bienenstöcke beginnt und einen perfekten Bienenstock entwirft, bekommt Williams Leben neuen Aufschwung.
Die dritte Geschichte erzählt vom Imker George in Ohio im Jahr 2007, der mitansehen muss, wie seine Bienen verschwinden und immer weniger werden. Der Sohn Tom soll den Hof mit der Imkerei übernehmen, dieser hat jedoch andere Pläne.

Maja Lunde spannt den Bogen von den Wurzeln der professionellen Imkerei Mitte des 19. Jahrhunderts zum Beginn des Bienensterbens Anfang des 21. Jahrhunderts bis zu einer Welt ohne Bienen im Jahr 2098. Alle drei Geschichten dienen letztlich der Frage, wie eine Welt ohne Bienen aussehen würde und wo und wie der Anfang vom Ende begann. Sie vermittelt das Gefühl der Freude am Erfinden und Forschen für den Biologen William, die massive Hilflosigkeit und Ohnmacht von George, der seinen Bienen beim Sterben zusieht ebenso wie den Mut und die Kraft einer jungen Mutter, die ihren Sohn finden möchte und auf der Suche nach einem kleinen Hoffnungsschimmer gegen das System rebelliert. 
Gleichzeitig hat die Autorin ein feines Gespür für familiäre Beziehungen von Eltern und Kindern, insbesondere die Erwartungshaltung von Vätern an ihre Söhne, die sich über die Jahrhunderte nicht geändert hat, und die Kraft der Frauen, die der Sprachlosigkeit und Enttäuschung Paroli bieten können.

"Wie verwachsene Vögel balancierten wir auf unseren Ästen, das Plastikgefäß in der einen Hand, den Federpinsel in der anderen. ...
Das kleine Plastikgefäß war gefüllt mit dem luftigen, leichten Gold der Pollen, das zu Beginn des Tages exakt abgewogen an uns verteilt wurde, jede Arbeiterin erhielt genau die gleiche Menge. Nahezu schwerelos versuchte ich, unsichtbar kleine Mengen zu entnehmen und in den Bäumen zu verteilen."

Vieles, was wir essen, hängt von der Bestäubung durch Insekten ab, und wenn Menschen wie Vögel mit Pinsel in Bäumen hängen um Blüte für Blüte selbst zu bestäuben erinnert das nicht nur an Mao, der in China vor Jahrzehnten alle Insekten ausrotten wollte und die Blüten auf die im Buch dargestellte Weise bestäuben ließ, sondern ist für den Leser eine durchaus greifbare Version einer vom Hunger geprägten und streng kontrollierten Zukunft. Ein weltweites Bienensterben hat verheerende Folgen für uns alle, und Maja Lunde ist nicht nur eine Autorin, die einen spannenden und sehr gut recherchierten Roman zum Thema geschrieben hat, sondern auch besorgte Mutter, die aufrütteln will. Das ist ihr gelungen, und ich vergebe begeisterte fünf Sterne für das Buch.


Maja Lunde "Die Geschichte der Bienen"
Roman gebunden, 512 Seiten
Verlag: btb
Erschienen im März 2017
ISBN 9783442756841
20 €

26. Mai 2017

Verstörende Geschichte




Hat ein Massenmörder eine zweite Chance verdient? Wen steht es zu, darüber zu entscheiden?
Im für mich sehr überraschenden Buch "Heute leben wir" von Emmanuelle Pirotte steht ein asozialer Menschenhasser zusammen mit einem kleinen jüdischen Mädchen im Mittelgrund der Geschichte. Eine ungewöhnliche Konstellation, die noch dazu verleitet, schreckliche Taten zu verzeihen und nach Menschlichkeit, Wärme und Vergebung bei einem Mann zu suchen, der für die SS vollkommen kaltblütig offen und verdeckt hinter feindlichen Linien mordet.

Der Roman ist angesiedelt 1944 in Belgien, wo das kleine jüdische Mädchen Renée auf der Flucht vor den Nazis dem US-Soldaten Matt anvertraut wird. Der vermeintliche Retter Matt oder besser Matthias ist jedoch Teil einer im Belgien verdeckten agierenden SS-Einheit, die bei der "Operation Greif" sowohl den Feind als auch in Belgien versteckte Juden ausrotten soll. Doch Renée bewirkt etwas bei Matthias, der sie nicht erschießt und sich ihrer sogar annimmt. Völlig gegensätzlich befinden sich nun beide auf der Flucht, Matthias, die Tötungsmaschine, der nicht erst seit der Naziherrschaft aus reiner Lust am Töten gemordet hat und Renée, das in sich gekehrte und abgeklärte Mädchen, das viel erlebte und einen faszinierend einfachen und klaren Blick auf Wesentliches hat, und finden sich versteckt auf einem belgischen Bauernhof wieder, umgeben von Nazis und Alliierten Befreiern.

Der vielschichtige und intensiv erzählte Roman hält viele Überraschungen in der Handlung und in der Vergangenheit der Hauptcharaktere bereit. Verstörend nahe steht man Matthias, der rein rational betrachtet ein hassenswerter Charakter ist, den man gerne verurteilen möchte. Aber die Autorin spielt mit dem Leser, sie verführt dazu, dass man geneigt ist, Matthias Glück für die Flucht zu wünschen. Nichts ist wie es scheint, wenig bekommt man direkt dargeboten und oft genug ist man verblüfft und fühlt sich herausgefordert, eigene Werte und ethische Normen zu Rate zu ziehen und das Dargebotene zu hinterfragen.

Nicht nur die beiden Hauptfiguren sind vielschichtig und interessant, auch die anderen Charaktere entziehen sich Schubladendenken, lassen viel Platz und Spielraum für Interpretationen und überraschen in ihrem Handeln. Wagemut und Zivilcourage finden genauso Platz wie Ängstlichkeit und Opportunismus, und interessanterweise misst sich das Handeln der Nebenfiguren meist an der mutigen und gnadenlos realistischen Renée. Mit abschätzendem Blick einer Außenstehenden scheint sie alle Ereignisse zu analysieren, egal ob sie dabei in menschliche Abgründe blickt oder kindliche Freude spürt. Matthias, der eigentlich zu allen den negativen Gegenpol geben könnte, manipuliert nicht nur die Menschen in der Geschichte, sondern auch den Leser mit seiner nahezu perfekten Maske.

Ein ganz winziger Kritikpunkt ist, dass ich sehr gerne nicht den weiteren Verlauf der Geschichte nach der Befreiung des kleinen Bauernhofes erfahren hätte. Für mich geht dadurch die psychologische Faszination der Situation auf dem belgischen Hof, die wie ein Blitzlicht aus dem großen Ganzen heraus eine Menschengruppe fokkusiert, verloren in den nachfolgenden Erklärungen und Ereignissen. Aber das ist wie immer Geschmackssache...

Es ist ein großartiges Buch, das nicht nur spannend und ergreifend eine tiefgründige Geschichte erzählt, sondern auch Zweifel an Moral und Ethik in den Raum stellt, zur Menschlichkeit und Sympathie verführt für die nicht wirklich fassbaren Hauptfigur Matthias und mir so vor Augen führt, dass ich durchaus manipulierbar bin, auch wenn ich mich sehr gerne dagegen wehren möchte.
Ich vergebe fünf Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung.




Emmanuelle Pirotte "Heute leben wir"
Roman gebunden, 288 Seiten
Verlag: S. Fischer
ISBN 9783103972115
Erschienen im März 2017
20 €

    20. April 2017

    Begeisterndes Debüt: ein kleines böses schnörkellos erzähltes Buch




    Der Roman "Der Club" von Takis Würger ist für mich eine Lese-Überraschung unter den Frühjahrsbüchern. Der Autor hat ein kleines Juwel geschaffen, und der Verlag Kein & Aber hat dem Text einen sehr passenden bibliophilen Rahmen gegeben.

    "Die Einsamkeit war ein Loch, das ich in meinem ganzen Körper spürte, als wäre von mir nur die Hülle eines Menschen übrig geblieben."  

    Hans Stichler, ein Junge aus einfachen Verhältnissen, bekommt die Chance, an der Universität Cambridge zu studieren. Als Kind hatte er die Mutter durch Krankheit und später den Vater durch einen Unfall verloren. Er war ein Außenseiter unter den anderen Kindern, als er angeregt durch seinen Vater mit dem Boxen begann und darin eine Stütze für sich findet.

    "Wenn ich heute an diese Zeit zurück denke glaube ich, dass mir andere Menschen erst erträglich wurden, als ich anfing, mich mit ihnen zu schlagen."

    Später, im Internat unter Mönchen, ist das Boxen für Hans die einzige Möglichkeit, dem harten Alltag und der Einsamkeit zu entfliehen. Kurz vor dem Abitur bietet ihm seine Tante Alex, eine Professorin in Cambridge, endlich die ersehnte Möglichkeit, bei ihr zu sein, getarnt als Stipendiat an ihrem College. Er soll ihr helfen, hinter die perfekte Fassade des elitären Pitt-Club zu blicken, dessen Eintrittskarte das Boxen ist. Hans weiß zunächst nicht, warum er Nachforschungen anstellt, doch je mehr sich zwischen altehrwürdigen Mauern, angefüllt mit Chesterfield-Möbeln, Trophäen und Kristall ereignet, umso mehr wünscht er sich, dazu zu gehören und nichts zu wissen. Er muss sich letztlich entscheiden, ob er für den richtigen Zweck bereit ist, das Falsche zu tun.

    "An manchen Abenden in diesem Club hatte ich mich gefühlt, als löse sich mein Ich langsam auf und irgendwann bliebe nur noch Hans Stichler übrig. Aber an diesem Abend wusste ich genau, wer ich war und wer ich nicht sein wollte."

    Die Geschichte, unterteilt in kurze Kapitel wie die Runden eines Boxkampfes, ist aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Das ermöglicht beim Lesen neben interessanten Einblicken einen Vorsprung gegenüber dem Protagonisten. Gebannt folgt man Stück für Stück der Demaskierung der Figuren und ihren Lebensumständen und wirft gemeinsam mit Hans einen höchst erschreckenden Blick hinter die Fassade der britischen Oberschicht. 
    Nach einem langsamen Start entwickelt sich das Geschehen nach Hans' Einführung in den Pitt-Club recht rasant. Und auch wenn der Hintergrund der Geschichte schnell durchschaubar ist, knabbert man an den einzelnen Verwicklungen ebenso wie an der Motivation der Charaktere, was subtil, höchst interessant und spannend ist.

    "Es ist egal, was du machst, wenn die Storys, die die Leute über dich erzählen, gut genug sind."

    Hans Stichler erweist sich als Charakter, dem man beim Lesen gerne nahe ist, weil er authentisch wie eine Figur aus dem echten Leben als einfacher Junge geblendet von Reichtum, Macht und Traditionen seinen Weg finden muss, nicht überirdisch wirkt, stolpert, und glaubhaft im rechten Moment zurück auf seinen Weg und zu seinen Idealen findet. Er ist ein Kämpfer, dem man jeden Sieg gönnt und dessen Gang ich beim Lesen gefesselt folgte. Der Autor hat selbst einige Jahre an einer Eliteuniversität in Großbritannien verbracht, war Mitglied eines Clubs und Boxer, wohl durch das eigene Erleben gerät seine Hauptfigur so lebensnah. Man fragt sich allerdings ständig, inwieweit die Schilderungen den Tatsachen entsprechen, doch diese Antwort bleibt aus.

    "Die Wahrheit...sind die Geschichten, die wir solange erzählen, bis wir glauben, sie wären Wirklichkeit."

    Ein wenig greifbarer und voluminöser hätte ich mir die beiden Frauenfiguren gewünscht. Alex, die Tante von Hans und Professorin in Cambridge, und Charlotte, ihre Studentin und Hans' Freundin, bieten beide viel und hochinteressanten spannenden Hintergrund, dennoch wirken beide auf mich etwas zu zweidimensional. Das mag daran liegen, dass das Hauptaugenmerk der Geschichte auf dem Pitt-Club und dem Boxen als Männerdomäne liegt und die Frauencharaktere den Hintergrund bilden, vor dem sich die Entwicklung abspult. Es ist ein ganz persönliches Empfinden, das der Rundheit des Buches jedoch nicht wirklich Abbruch tut.
    Die männlichen Begleiter von Hans sind dafür umso faszinierender und vielschichtiger und auf den ersten Blick dubioser ausgearbeitet, sie offenbaren sich erst auf den zweiten Blick. Josh als Sohn reichen Eltern, elitär, überheblich, verwirrend aggressiv und gleichzeitig menschlich und gefühlvoll, bemüht sich um die Freundschaft zu Hans. Und Angus, die graue Eminenz des Pitt-Club und Vater von Charlotte, zu dem Hans Zugang durch das Boxen findet und zu dem er sich hingezogen fühlt, wirkt auf den ersten Blick väterlich-besorgt und loyal, jongliert gleichzeitig im Job mit Menschen wie mit Spielfiguren.

    "In Cambridge hatte ich gelernt, wie viel Großes der Mensch leisten kann: er kann die Grundlagen der formalen Logik entwickeln, die Geschwindigkeit des Lichts errechnen und ein Medikament gegen Malaria finden. Aber in Cambridge habe ich auch gelernt, was der Mensch in seinem Kern ist: ein Raubtier."

    Am Ende geht alles auf, und Tarkis Würger hält noch ein paar kleine Überraschungen bereit, die sich im Nachhinein betrachtet perfekt und nahtlos ins Geschehen einfügen. 
    Der recht kurze und mit passender schnörkelloser und stellenweise fast brutaler Sprache erzählte Roman wurde völlig zu recht mit dem Preis als bestes Roman-Debüt auf der Litcologne 2017 ausgezeichnet und mit seinem in den Farben und Stil einer Pitt-Club-Krawatte bezogenem Einband ist es nicht nur des Inhaltes wegen ein kleiner Schatz, den man unbedingt lesen sollte.


    Takis Würger "Der Club"
    Roman in Leinen gebunden
    240 Seiten
    Erschienen im Februar 2017
    Verlag : Kein & Aber
    ISBN 9783036957531

    Preis 22 €